Du sollst, du sollst nicht.
Verbote und Gebote zwischen Religion, Recht und Politik
Sommersemester 2026
Verbote und Gebote stehen im Zentrum religiöser und ethischer Lebensführung, stabilisieren gesellschaftliche Ordnungen, schützen vor Gewalt und begrenzen Machtmissbrauch. Rechte, einschließlich der Grundrechte, werden durch Verbote gesichert. Zugleich sind Verbote selbst Ausdruck politischer, ökonomischer und sozialer Machtverhältnisse. Anderen oder auch sich selbst etwas zu untersagen, bedeutet Handlungsspielräume und Selbstentfaltung einzuschränken. Dass dieser repressiven Funktion von Verboten und Tabus eine kulturstiftende Dimension innewohnt, macht das Unbehagen aus, welches Sigmund Freud schon Anfang des 20. Jahrhunderts der Kultur attestiert hat. Auch etymologisch lässt sich die produktive Kraft von Verboten nachvollziehen: Bis ins ältere Niederhochdeutsch stand das Verbieten [mnd. vorbēden] in enger Beziehung zum Gebot, im Sinne einer nachdrücklichen Anordnung von Handlungen.
Im Sommersemester 2026 möchten die Mosse Lectures die Ambivalenzen von Verboten historisch-systematisch beleuchten und nach ihrer Relevanz für gegenwärtige gesellschaftliche Auseinandersetzungen fragen. Denn während die Kritik an Verboten in vielen sozialen Bereichen seit einiger Zeit allgegenwärtig scheint und »Enttabuisierung« aus guten Gründen positiv konnotiert wird, erleben Verbote dort eine Renaissance, wo sie zu Instrumenten der Krisenbewältigung werden. Etwa in den global geführten Diskussionen um die Notwendigkeit und Legitimität eines Social-Media-Verbots für Kinder und Jugendliche. Oder in der aktuellen Klimapolitik, die sich unter dem Stichwort der intertemporalen Freiheitssicherung der Aufgabe gegenübersieht, das Verhältnis von Generationengerechtigkeit und »Verbotskultur« neu zu justieren und ein aktuelles Gebot von Verboten zu diskutieren. Auch die Debatten um Cancel Culture, Fake News und digitale Persönlichkeitsrechte kreisen um Möglichkeiten prohibitiver Begrenzung. Die Mosse Lectures bringen philosophische, kulturwissenschaftliche, ethnologische und rechtswissenschaftliche Perspektiven zusammen, um nach den Bedingungen zu fragen, unter denen Verbote legitim erscheinen, nach ihren kulturellen Voraussetzungen und politischen Funktionen und nicht zuletzt nach der Macht, die sich im Akt des Verbots konstituiert.
Adrian Daub
»Noch«, »Nicht mehr«, »Endlich wieder«: Kollektive Zeitwahrnehmung und Verbotsdiskurse
mit Ulrike Vedder
Donnerstag, den 4. Juni 2026 | 19.15 Uhr | Senatssaal der Humboldt-Universität zu Berlin, Unter den Linden 6, 10117 Berlin
Die Behauptung, dass »man« x, y, oder z heute »nicht mehr« sagen könne oder dürfe, ist spätestens seit den 1980er Jahren fest im politischen Diskurs verankert. Sie steht für ein breiteres Gefühl der Unsagbarkeit und die Mechanismen, nach denen dieses sich angeblich ausbreitet – Mechanismen, die für die Menschen, die sie beschreiben den Charakter von Verboten haben, obwohl diese Verbote selten explizit in Worte gefasst werden. Mehr noch, das Gefühl einer sich in Redeverboten ausdrückenden historischen Veränderung scheint das Verhältnis eines bestimmten Publikums zum Politischen zu strukturieren. Dieser Vortrag hinterfragt die Vorstellungen von Sagbarkeit und Unsagbarkeit, von historischem Umschwung und politischer Macht, die hinter diesem Sprachspiel stehen. Vor allem aber geht es in ihm um Zeit und Zeiterfahrung, um Nostalgie und um das Gefühl, wenn »alle« so reden, wie man selber.
ADRIAN DAUB: Literaturwissenschaftler; J.E. Wallace Sterling Professor für Geisteswissenschaften in den Fachbereichen Vergleichende Literaturwissenschaft und Germanistik an der Stanford University. Seit 2019 ist Daub darüber hinaus Fakultätsdirektor des Michelle R. Clayman Institute for Gender Research. Seine Forschungsgebiete umfassen die Ideen- und Kulturgeschichte des 19. Jahrhunderts sowie Fragen von Gender und Sexualität. Neben seinen wissenschaftlichen Aktivitäten betätigt sich Daub als politischer Kommentator des Zeitgeschehens in deutschen und englischsprachigen Zeitungen [u.a. FAZ, DIE ZEIT, NZZ, The Guardian] ebenso wie in dem mit Laura Goode produzierten Podcast »The Feminist Present«. 2022 erschien sein jüngstes Buch »Cancel Culture Transfer. Wie eine moralische Panik die Welt erfasst« im Suhrkamp Verlag, das im Januar 2023 auf der Sachbuch-Bestenliste von ZDF, Deutschlandfunk und DIE ZEIT stand.
Heike Behrend
Schrecknisse des Wissenwollens: Frageverbot und die Fraglichkeit von Fragen in der ethnografischen Feldforschung
mit Ethel Matala de Mazza
Donnerstag, den 11. Juni 2026 | 19.15 Uhr | Senatssaal der Humboldt-Universität zu Berlin, Unter den Linden 6, 10117 Berlin
In meinem Vortrag geht es um Fragen und ihre Fraglichkeit und damit auch um die Fraglichkeit der fragenden Ethnologin während der Feldforschung. Ausgehend vom Schock eines Frageverbots, das mir während meiner ersten Feldforschung im Nordwesten Kenias Ende der 1970er Jahre von den Ältesten erteilt wurde, versuche ich im Folgenden, Bruchstücke einer Geschichte des ethnografischen Fragens zu erzählen.
Die ethnografische Forschung entstand aus der Reise in die Fremde, die einen Riss, Verwunderung und Staunen und damit neue Fragen hervorrief. Ich folge Hans Blumenbergs »Prozess der theoretischen Neugierde«, der zunehmenden Professionalisierung und Verwissenschaftlichung des Reisens bis zur Herausbildung von Fragekatalogen für die ethnografische Arbeit. Am Beispiel der Forschungen von Bronisław Malinowski in Melanesien, Victor Segalen in China und Marcel Griaule in Westafrika werde ich unterschiedliche Verfahren der Produktion von ethnografischem Wissen und der Befragung vorstellen und die jeweiligen Schrecknisse des Wissenwollens, die Asymmetrien und die Gewalt aufzeigen, die in ihnen enthalten sind, zugleich aber auch die Widerständigkeit der Befragten provozieren. Ich ende mit Klaus Heinrichs Frage nach den Möglichkeiten eines solidarischen Fragens, einem Bündnis zwischen fragender und befragter Person, das den Schrecknissen des Wissenwollens Einhalt gebieten könnte.
HEIKE BEHREND: Ethnologin; Professorin emerita für Ethnologie am Institut für Afrikanistik und Ägyptologie der Universität zu Köln. Zu ihren Fachgebieten zählen ethnografische Forschung vor allem in Ostafrika, populäre afrikanische Medienkultur sowie das Verhältnis von Religion, Krieg und Gewalt. Sie lehrte und forschte unter anderem an der École des Hautes Études en Sciences Sociales in Paris, an der Northwestern University in Evanston [USA], am Internationalen Forschungszentrum Kulturwissenschaften [IFK] in Wien und an der Tokyo University of Foreign Studies in Japan. In ihrem 2020 bei Matthes & Seitz erschienenen Rückblick auf fast 50 Jahre Forschungspraxis »Menschwerdung eines Affen. Eine Autobiografie der ethnografischen Forschung« dreht sie den kolonialen Blick um und erkennt sich selbst als Objekt der Ethnografie aus den Augen der Ethnografierten. Das Buch wurde 2021 mit dem Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie »Sachbuch und Essayistik« ausgezeichnet. Ihr jüngstes Werk trägt den Titel »Gespräche mit einem Toten. Gustaf Nagel, Prophet vom Arendsee« [Matthes & Seitz 2025].
Jule Govrin
Verbotene Körper? Demokratische Sorge und körperliche Selbstbestimmung in Zeiten autoritärer Austerität
mit Martina Wernli
Donnerstag, den 2. Juli 2026 | 19.15 Uhr | Senatssaal der Humboldt-Universität zu Berlin, Unter den Linden 6, 10117 Berlin
Demokratien scheinen derzeit gefährdet, inmitten von Krisenkaskaden und gesellschaftlicher Krisenstimmung. Rechtsextreme Parteien wie die AfD profitieren von den krisenzeitlichen Unsicherheiten. Mit dem Aufwind autoritärer Kräfte zeichnet sich global eine neue Phase der Austerität ab, deren disruptive Politiken extreme Konsequenzen für demokratisches Leben haben. Pionierfiguren dieser autoritären Austerität wie Javier Milei in Argentinien und Donald Trump in den USA fallen durch politische Performanzen autoritärer Männlichkeit auf. Gezielt kürzen sie bei Gleichstellungsmaßnahmen und schränken die Rechte von Frauen und queeren Menschen ein. Wie lassen sich die Zusammenhänge zwischen Austerität, Autoritarismus und Antifeminismus fassen? Wie manifestieren sie sich körperpolitisch, als Angriffe auf die soziale Reproduktion der gesamten Gesellschaft und als Angriffe auf die körperliche und geschlechtliche Selbstbestimmung? Wo finden sich Gegenstrategien einer demokratischen Sorge, die Demokratie nachhaltig stärkt?
JULE GOVRIN: Philosophin; Gastprofessorin für Praktische Philosophie an der Bergischen Universität Wuppertal. Govrin forscht an der Schnittstelle von Sozialphilosophie, Feministischer Politischer Philosophie, Ethik und Ästhetik. Ihre Schwerpunkte bilden Fragen der Gleichheit und des Universalismus, der Sorge und Solidarität sowie der politischen Dimension von Körpern. Neben Forschungsaufenthalten in Marseille und Porto Alegre war sie Gastwissenschaftlerin am Centre Marc Bloch in Berlin und dem Institut für Sozialforschung in Frankfurt am Main. Zu ihren Veröffentlichungen zählen »Politische Körper. Von Sorge und Solidarität« [Matthes & Seitz 2022], »Begehrenswert. Erotisches Kapital und Authentizität als Ware« [Matthes & Seitz 2023] sowie »Begehren und Ökonomie. Eine sozialphilosophische Studie« [de Gruyter 2020]. Zuletzt erschien bei Suhrkamp ihr Buch »Universalismus von unten. Eine Theorie radikaler Gleichheit« [2025].
Sabine Müller-Mall
Künftige Freiheit und die Gegenwart des Verbots
mit Lothar Müller
Donnerstag, den 9. Juli 2026 | 19.15 Uhr | Senatssaal der Humboldt-Universität zu Berlin, Unter den Linden 6, 10117 Berlin
Kämpfe ums Klima spielen sich auch entlang von Ge- und Verboten ab, und zwar in ihrem Verhältnis zu zeitlichen Dimensionen der Freiheit. Das Verbot wird politisch als Gegenspieler gegenwärtiger Freiheit stilisiert, während die Schonung künftiger Freiheit als rechtliches Gebot verstanden wird. Das Bundesverfassungsgericht spannt Freiheit temporal auf, in die Zukunft und wieder zurück in die Gegenwart. Dabei verrechnet es Möglichkeiten künftigen Freiheitsgebrauchs mit gegenwärtigen Freiheiten. Wenn – wie im Falle des Klimas – die Zukunft endlich wird, rücken zeitliche Aspekte des Verhältnisses von Recht und Politik in den Vordergrund. Wie können rechtliche Formen künftige Freiheit einbeziehen? Wie können wir Freiheitsfragen ins Verhältnis zu temporalen Dimensionen setzen? Und warum zeigen sich solche Fragen ausgerechnet an der Gegenwart konkreter Verbote?
SABINE MÜLLER-MALL: Rechtsphilosophin; Professorin für Recht und Philosophie am Center for Critical Computational Studies der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Ihre Forschungsinteressen gelten der Rechtsphilosophie, Verfassungstheorie und dem Verfassungsrecht. Gegenwärtig forscht sie insbesondere zur Rechtsnormativität, zur Theorie des Urteilens und zum Verhältnis zwischen Recht und Ästhetik sowie zu grundlegenden rechtlichen und politischen Fragen, die sich aus dem Einsatz computergestützter Techniken ergeben. 2020 erschien der Band »Freiheit und Kalkül. Die Politik der Algorithmen« bei Reclam. Ihr jüngstes Buch, in dem sie sich mit dem Einfluss von Gerichtsurteilen auf Verfassungsentwicklungen beschäftigt, wurde 2023 unter dem Titel »Verfassende Urteile. Eine Theorie des Rechts« bei Suhrkamp veröffentlicht.
