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Zorn

Geschichte und Gegenwart eines politischen Affekts

Der ‚Zorn‘, wie auch ihm verwandte Regungen wie ‚Wut‘, ‚Empörung‘ oder ‚Hass‘, ist in Wort und Tat ein Movens der politischen Auseinandersetzung. Historisch betrachtet handelt es sich um eine von jeher prominente Ausdrucks- und Eskalationsbewegung, die Aufschluss gab über politische Belange. ‚Zorn‘ ist das erste Wort der „Ilias“ und markiert, so gesehen, den Beginn der europäischen Literaturgeschichte. Die Skalierung von Affekt und Leidenschaft ist bis heute Gegenstand der Religionsgeschichte, der Ethnologie und Sozialpsychologie. Vor diesem affektgeschichtlichen Hintergrund wollen die Mosse-Lectures erkunden, was es mit der politischen Verhaltenslehre des thymós auf sich hat. Erst die Moderne hat ein ambivalentes Verhältnis zum Zorn und seiner politischen Wucht hervorgebracht: mit dem Schreckbild des rasenden ‚Mobs‘ und ‚Pöbels‘ einerseits und der gezielten Mobilisierung von Massen andererseits. Aktuell wird der im Kollektiv gesteigerte Affekt des ‚Wutbürgers‘ als Krisensymptom der repräsentativen Demokratie wahrgenommen.  Ist die auch im etablierten Bürgertum aufkommende ‚Wut‘ nur eine militante Form des privilegierten Ressentiments, der selbstbezogenen und selbstgerechten Aggression? Ist die ‚Empörung‘ der offensichtlich Subalternen und Unterprivilegierten, wie etwa Stéphane Hessel behauptet hat, eine aufrichtigere und dadurch legitimere Art des Protests und des Widerstands?


Referent*innen

Johannes F. Lehmann, Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
Einführung und Gespräch: Joseph Vogl

»Wut als Alarmsystem. Zur historischen und politischen Dimension von Konzepten des Zorns«

Donnerstag, 12. November 2020, 19 Uhr c.t.

Konzepte des Zorns (und verwandter Emotionen wie Wut, Ärger, Empörung, Hass etc.) sind, wie alle Emotionen, historisch variabel. Im Feld des Zorns ereignet sich um 1800 eine grundlegende Verschiebung im Begriff und im Konzept des Zorns. Ergebnis dieses Prozesses ist ein moderner Begriff der Wut, der das Selbstgefühl energetischer Blockaden und nicht länger die Ehransprüche der Mächtigen ins Zentrum stellt. Vor diesem zu entfaltenden Hintergrund entwickelt der Vortrag eine Theorie der Wut als einer genuin politischen Emotion. Sie begreift Wut als eine Art Alarmsystem im Spannungsfeld von Handeln und Zuschauen und fragt nach ihrer Erklärungskraft für politische und populistische Zornphänomene unserer Gegenwart.

Johannes F. Lehmann ist seit 2014 Professor für Neuere deutsche Literatur und Kulturwissenschaft an der Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn, Forschungen zur Gegenwartsliteratur und zur Literatur- und Theatergeschichte seit dem 18. Jahrhundert, aktuelle kulturpolitische Beiträge; Buchveröffentlichungen u.a. »Zur Geschichte des Theaterzuschauers und des Visuellen bei Diderot und Lessing« (2000), »Im Abgrund der Wut. Zur Kultur- und Literaturgeschichte des Zorns« (2012), »›Gegenwart‹ denken. Diskurse, Medien, Praktiken«, hg. mit Kerstin Stüssel (2020), z.Zt. Fellow der DFG- Forschungsgruppe »Imaginarien der Kraft« in Hamburg.


Aaron Ben-Ze’ev, Haifa
Einführung und Gespräch: Ethel Matala de Mazza

»Anger and its Interaction with Love and Hate«

Donnerstag, 19. November 2020, 19 Uhr c.t.

Warum ist Zorn in der heutigen Welt zu einem so dominanten Thema geworden, dass man sogar von einem »Zeitalter des Zorns« gesprochen hat? Ist es denkbar, dass diese Emotionalisierung sich auch positiv auswirken könnte, unter welchen Bedingungen? Philosophie- und religions-geschichtlich kann man zwei Zugänge zu diesem Thema feststellen. Zum einen eine vollständige Ablehnung, im Buddhismus zum Beispiel und im Stoizismus; zum anderen die zustimmende Qualifizierung des Zorns als eine Tugend, unter besonderen Umständen, so zum Beispiel bei Aristoteles und Thomas von Aquin. Die absolute Negation wirkt sich nachteilig aus, wenn bestimmte Empfindungen derart ausgeschlossen werden, auch positiv erfahrbare Gefühle. Im Wesentlichen lassen sich zwei Ursachen für die in unserer Gesellschaft anwachsende Affizierung durch Zorn ausmachen. Zum einen die Verflüchtigung von traditionellen wie auch neuerlichen Wertsetzungen; zum anderen die allzu beliebige Äußerung von Zorn in den sozialen Medien. Zudem wirkt sich aus, dass immer mehr zornerfüllte Protestaktionen, der Jugend, von Frauen, eine Herausforderung an die traditionellen Vorgaben aufweisen. Zorn als ein populärer und triumphaler Affekt schießt indes am Ziel vorbei. Eine verbindliche, moralische Kraft kann nur entstehen, wenn der Zorn an Zusammenhang gewinnt, in seiner Nachhaltigkeit, Intensität und Reichweite. Andernfalls wird Zorn zur zerstörerischen Wut.

Aaron Ben-Ze‘ev ist Professor für Philosophie an der Universität Haifa (Israel), deren langjähriger Präsident er war; Forschungen zur Sozialphilosophie, Wahrnehmungstheorie und Alltags-psychologie; zahlreiche Publikationen zur historischen und aktuellen Politik der Gefühle, u.a. »Love Online: Emotions on the Internet« (2004), »Die Logik der Gefühle. Kritik der emotionalen Intelligenz« (2009), »The Arc of Love. How Our Romantic Lives Change over Time« (2019).


Ute Frevert, Berlin
Einführung und Gespräch: Michael Kämper-van den Boogaart

»Edler Zorn und Wut im Bauch. Historische Metamorphosen«

Donnerstag, 3. Dezember 2020, 19 Uhr c.t.

Der Vortrag analysiert die semantischen Verschiebungen von Zorn und Wut, vor allem mit Blick auf das 20. und frühe 21. Jahrhundert. Er fragt nach den sozialen Standorten dieser Gefühle und nach ihrem Verhältnis zur Demokratie. Wer darf sich Zorn – oder Wut – leisten, wer nicht? Welche Wut gilt als akzeptabel und unter welchen historischen Umständen?

Ute Frevert ist Professorin für Geschichte, Sozial- und Geschlechtergeschichte, seit 2008 Direktorin am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin; zahlreiche Publikationen zur Geschlechterdifferenz und zur Politik und Sozialgeschichte der Gefühle, zuletzt »Mächtige Gefühle. Von A wie Angst bis Z wie Zuneigung« [2020], »Kapitalismus. Märkte und Moral« [2019], »Zur Politik der Demütigung. Schauplätze von Macht und Ohnmacht« [2017]; 2020 erhielt sie den Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa der deutschen Akademie für Sprache und Dichtung.


A. L. Kennedy, London

»Just One More Thing«

Donnerstag, 21. Januar 2021, 19 Uhr c.t.

A. L. Kennedy ist eine schottische Autorin von zahlreichen Romanen, Essays und Zeitungskolumnen, mit gelegentlichen Auftritten als Stand-up-Comedian; die meisten ihrer Romane wurden ins Deutsche übersetzt, zuletzt: »Das Blaue Buch« [2014]«, »Gleißendes Glück« [2016], »Leises Schlängeln« [2016], »Süßer Ernst« [2018], 2020 erschien ihre Kurzgeschichten-
sammlung »We are Attempting to Survive Our Time«; ihre Kolumnen erscheinen im »Guardian« und zuletzt, zum ›Brexit-Desaster‹ auch in der »Süddeutschen Zeitung«; in Deutschland erhielt sie u.a. den Heinrich-Heine-Preis der Stadt Düsseldorf.