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Welt im Fluss

Sommersemester 2022

Flüsse sind Schauplätze von Zivilisationsbildung, nationalen Identitätsordnungen und kriegerischen Konflikten, sie sind fließende Erinnerungs- und Projektionsräume sowie hochfrequentierte Handelswege. Sie fungieren als „natürliche“ Grenzen zwischen Staaten und verbinden diese zugleich, weshalb sie seit je als Migrations- und Fluchtwege genutzt werden. Die bis heute währenden Streitigkeiten der Anrainerstaaten Sudan, Ägypten und Äthiopien um den Nil und sein Wasservorkommen, in denen wirtschaftliche Interessen, koloniale Erblasten, aber auch die Herausforderungen des Klimawandels zusammentreffen, sind nur eines von vielen Beispielen für den politischen Druck, dem Flüsse ausgesetzt sind.

Hinzu kommt der ganz konkrete Nutzungsdruck, der durch regulierende wasserbauliche Eingriffe entsteht und von Umweltschützer:innen zunehmend problematisiert wird. An Flüssen lassen sich die Ausmaße des Anthropozäns gut studieren. Flutkatastrophen wie das 2021 geschehene Hochwasser im Ahrtal zeigen, dass es längst nicht nur die großen Ströme, sondern auch deren lokale Verzweigungen sind, die zu Brennpunkten globaler Krisen werden. Die Indienstnahme von Flüssen als politische Grenzzonen kann aber auch zur Entstehung weitgehend unberührter Biosphären beitragen – wie etwa an den Flussauen der Elbe, dem einstigen „Todesstreifen“ der innerdeutschen Grenze, dessen vermintes Gelände ironischerweise ökologische Vielfalt entfalten konnte. Menschen, Flüsse und deren (Evolutions-)Geschichten stehen in Austauschbeziehungen, die erst in Ansätzen erschlossen sind.

Seit je hat die kollektive Einbildungskraft die Flüsse zu Orten der Passage, des Übergangs (ins Jenseitsreich) oder der Initiation (z.B. Taufe) gemacht, Quelle, Flusslauf, Ufer und Mündung in Lebenssymbole verwandelt, den Gewässern Flussgötter, Elementargeister und Nixen zugeordnet. Das Austrocknen und die Überschwemmung als Katastrophenmodi der Flüsse verbinden die aktuellen ökologischen Debatten mit den Mythologien der Flüsse. Ziel der Mosse Lectures im Sommersemester 2022 ist es, das Nachdenken über die raumstrukturierende Dimension der Flüsse, über ihre geographische, geopolitische, wirtschaftshistorische und ökologische Bedeutung mit ihrer Reflexion als Ressource der Selbstdeutung vormoderner und moderner Gesellschaft zu verbinden.


Hannah Cloke

»Dreaming of Disaster: A River Journey of Imagination«

Respondenz: Matthias Kramm

– Einführung: Stefan Willer

Donnerstag, den 28. April 2022 | 19.15 Uhr | Senatssaal der HU, Unter den Linden 6 (Berlin) bzw. auch als Livestream über unseren YouTube-Kanal

Every week, somewhere on our planet, people die in a flood. We can now predict many types of floods well before any rain has even fallen, or the storm has even begun to form. We have spent billions of Euros setting up sophisticated flood prediction systems that undertake billions of calculations to predict when and where floodwaters will be. But what is the point of all of this if nobody can understand the danger that they are in, or imagine their homes and lives swept away? The floods in Germany in the summer of 2021 showed failures to prevent deaths. But was this a failure of science, or a failure of imagination? This lecture will take you on a river journey, following the paths of individual water droplets, immersing you in both the scientific and human experience of flood disasters. 

Hannah Cloke ist Professorin für Hydrologie an der University of Reading (UK); Arbeits- und Forschungsschwerpunkte liegen u.a. auf der Vorhersage von Naturkatastrophen, der Optimierung von Frühwarnsystemen, sowie Auswirkungen des Klimawandels; Cloke war nach ihrer Promotion u.a. am Aufbau des European Flood Awareness System (EFAS) beteiligt und ist Direktorin des Global Flood Awareness System (GloFAS). Sie ist länderübergreifend als unabhängige Beraterin zu den Themen Flutwarnung und Überschwemmung tätig; Cloke wurde mehrfach für ihre wissenschaftlichen Verdienste ausgezeichnet und ist Trägerin des Order of the British Empire (OBE).

Matthias Kramm promovierte nach einem Studium der Philosophie und Theologie in München und London 2020 mit der Arbeit »Balancing Tradition and Development?« am Ethics Institute der Utrecht University; mit der Vereinbarkeit von akademischen und nicht-akademischen Wissenskulturen – insbesondere solchen indigener Völker – setzt Kramm sich derzeit auch als Wissenschaftler im GEOs-Forschungsprojekt »Ethnoontologies. Relating Metaphysics and Practice of Knowledge Diversity« an der Wageningen University (NLD) auseinander.

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Terje Tvedt

»The Nile. History’s Greatest River and the Confluence of Hydropolitics, Empire and the Postcolonial World«

– Respondenz: Tahani Nadim

Donnerstag, den 19. Mai 2022 | 19.15 Uhr | Senatssaal der HU, Unter den Linden 6 (Berlin) bzw. auch als Livestream über unseren YouTube-Kanal

The lecture will discuss some long-term and fundamental historical and geographical structural characteristics of the Nile and how this can throw light upon current conflicts over the control of the river. Tvedt will show that in order to understand contemporary Nile politics (or river and water politics in general) a broad historical perspective is a must. This lecture will be based on two of Tvedt’s books on the Nile; „The River Nile in the Age of the British. Political Ecology and the Quest for Economic Power“ (2016), and „The Nile. History’s Greatest River“ (2021), translated into German with the title „Der Nil. Fluss der Geschichte“ (2021), his three episode TV-documentary „The Quest for the Nile“ (2014) and his books on theoretical and methodological issues in studying water and society.

Terje Tvedt ist Professor für Geographie an der Universität Bergen; Tvedt forscht seit Jahrzehnten zu Themen der globalen Geschichte, darunter insbesondere auch zur (Sozial-)Geschichte des Wassers; Herausgeber der mehrbändigen Reihe »A History of Water« (2006-2016) und Autor zahlreicher Publikationen zum Thema, u.a. »A Journey in the Future of Water (2014), »Der Nil. Fluss der Geschichte« (2021) und »Water and Society« (2021); seine Beiträge wurden in diverse Sprachen übersetzt und mehrfach ausgezeichnet; Tvedt ist zudem Produzent von Dokumentarfilmen, darunter der Dokumentation »A Journey in the History of Water« (1997), welche weltweit Resonanz fand.

Tahani Nadim ist Juniorprofessorin für Europäische Ethnologie an der Humboldt-Universität zu Berlin, in gemeinsamer Berufung mit dem Berliner Museum für Naturkunde; Nadim beschäftigt sich im Rahmen ihrer ethnographischen Forschung v.a. mit wissenschaftssoziologischen Fragen rund um die Produktion, Sammlung und Verarbeitung naturkundlicher Daten; Gründerin und Leiterin der inoffiziellen Forschungssektion »Bureau for troubles« am Museum für Naturkunde Berlin, wo sie seit 2018 am Aufbau des Forschungsprojektes »Data natures« beteiligt ist.

https://youtu.be/xfzjSlq72BQ

Janet Hartley

»Taming the Volga: Imperial Policies to Control Nature, People and Beliefs«

– Respondenz: Hans Jürgen Balmes

Donnerstag, den 23. Juni 2022 | 19.15 Uhr | Senatssaal der HU, Unter den Linden 6 (Berlin) bzw. auch als Livestream über unseren YouTube-Kanal

This lecture examines the ways in which the Russian Empire (and, to an extent, the Soviet Union) attempted to tame or control the river Volga. First, it examines the economic and strategic importance of the river which led to conflict, conquest, and the assertion of state control. Second, it explains the extent to which control could be exercised over the river and the region through military force, imperial bureaucracy, settlement and displacement of peoples, canal building and economic planning, and by conversions of non-Christians to Orthodoxy. Third, it discusses the significance of ‘cultural control’ of the river. The Volga became inextricably linked with Russia and Russianness, and remains so today: „Without the Volga, there would be no Russia“ stated a Russian news report in 2019.

Janet Hartley ist eine Historikerin, die bis zur Emeritierung 2019 einen Lehrstuhl für Internationale Geschichte an der London School of Economics innehatte; Hartleys Forschungsschwerpunkt liegt bei der russischen Geschichte, zu der sie umfangreich publizierte; zahlreiche Monographien u.a. über Russlands Aufstieg zu einer europäischen Großmacht im 18. Jahrhundert sowie der Geschichte Sibiriens und seiner Menschen; zuletzt widmete sich Hartley in »The Volga. A History of Russia’s Greatest River« (2021) der Geschichte des Landes ausgehend vom Flusslauf der Wolga.

Hans Jürgen Balmes ist Lektor, Herausgeber und Übersetzer; langjährige Tätigkeit bei deutschen Verlagshäusern, für den Fischer Verlag u.a. auch als Herausgeber der Literaturzeitschrift »Neue Rundschau«; Balmes übertrug zahlreiche, auch literarische Werke, aus dem Englischen, darunter Titel von John Berger, Barry Lopez und Robert Hass; Meeres- und Flussthemen widmete sich Balmes u.a. in der Kultur- und Reisezeitschrift »Mare« sowie zuletzt in seinem Buch »Der Rhein. Biographie eines Flusses« (2021), für welches er sechs Jahre den Rhein zu Land und zu Wasser erkundete.

Norbert Scheuer

»Kleine Flüsse, große Fluten. Szenen vom Hochwasser in der Eifel«

– Einleitung und Gespräch: Ulrike Vedder

Donnerstag, den 30. Juni 2022 | 19.15 Uhr | Senatssaal der HU, Unter den Linden 6 (Berlin) bzw. auch als Livestream über unseren YouTube-Kanal

Die Überflutungen in Nordrhein-Westfalen 2021 verheerten auch die Heimat des Autors Norbert Scheuer. Schon zuvor hatte er Flüsse thematisiert und Überschwemmungen literarisch aufgegriffen, aus der Distanz von erzählten Erlebnissen. Nun wurde er Augenzeuge der Verwüstungen der Gemeinde Kall, dem zentralen Schauplätz der Werke des „Romancier der Eifel“. In der Reihe „Die Welt im Fluss“ der Mosse Lectures spricht Scheuer darüber, wie er die Zerstörungen erlebte und welche Bedeutung sie für ihn und sein Werk haben: Wie plötzlich und unerwartet Dörfer und kleine Städte in den Wassermassen verschwinden, vom Schicksal der Menschen in Überschwemmungsgebieten sowie über die Unbeherrschbarkeit, Grausamkeit und Schönheit der kleinen und großen mäandernden Flüsse, aus denen irgendwie all unsere Mythen und Gedichte entspringen. 

Norbert Scheuer ist Schriftsteller; seine literarische Werke wurden vielfach ausgezeichnet und übersetzt; Scheuer ist ausgebildeter Diplomingenieur und hat einen Abschluss in Philosophie; neben seinen schriftstellerischen Tätigkeiten arbeitete er bis 2017 als Systemprogrammierer; Orte und Gemeinden der Eifel – Scheuers Heimat – wurden in vielen seiner Werke zu Schauplätzen literarischen Geschehens und poetischer Auseinandersetzung, darunter u.a. in »Kall, Eifel« (2005), »Bis ich dies alles liebte« (2011) sowie in seinem jüngsten Roman »Winterbienen« (2019), für den er u.a. mit dem Wilhelm Raabe-Literaturpreis ausgezeichnet wurde.