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Nach der Stimme.

Simulationen vokaler Authentizität

Wintersemester 2022/23

Die Stimme gilt – neben Gesicht, Fingerabdruck und DNA – als untrüglicher Ausweis der Identität und Singularität eines Individuums. Vor Gericht werden Tonaufnahmen als beweiskräftiges Spurenmaterial herangezogen. In den (sozialen) Medien wird die Stimme eingesetzt, um für die Authentizität der Sprecher:innen zu bürgen. Ihre einzigartige Prosodie, ihre spontane, ephemere und brüchige Performanz erzeugen eine Nähe und Intimität, mit denen selbst das Gesicht nicht mithalten kann. In Zeiten von Fake News und einer permanent sich aufdrängenden effekthascherischen Bilderwelt verspricht die Stimme Unverfälschtheit, Nahbarkeit und Tiefe. Die Dimension der Tiefe beanspruchen derweil auch jene Software-Programme für sich, die das Authentizitätsversprechen der Stimme in ihren Grundfesten erschüttern: Mit KI-generierten Deep Fake Voices können Stimmen „geklont“ und Personen Sätze in den Mund gelegt werden, die sie niemals gesagt haben. Die Mosse Lectures wollen einerseits nach den historischen Vorläufern und ästhetischen Vorwegnahmen jener digitalen Stimmsimulationen fragen: An welche Geschichte der Stimm- und Sprachsynthese knüpfen Deep Fake Voices an und wie wurden sie erzählerisch antizipiert – von Johannes Keplers Traum einer künstlich imitierbaren Stimme (Somnium sive astronomia lunaris, 1634) bis hin zu Andres Veiels Fernsehfilm Ökozid (2020), einem Vorausblick auf die politischen Folgen manipulierter Stimm- und Videoaufzeichnungen? Der Blick zurück offenbart das enorme poetische Potential der Stimmsimulation, das nicht zuletzt auch die Geschichte der Gesangs- und Schauspielkunst entscheidend geprägt hat. Andererseits gilt es perspektivisch die Konsequenzen jener Entwicklungen zu diskutieren. Inwiefern können Deep Fake Voices jenen ihre Stimme zurückgeben, die sie durch Krankheit oder Unfall verloren haben? Welche poetologischen und urheberrechtlichen Fragen werfen die Aneignung und Neuzusammensetzung von Stimmen auf? Welche juristischen Implikationen sind mit der schwindenden Zuverlässigkeit der Stimme als Beweismaterial verbunden? Wie verhalten sich digital simulierte Stimmen zu aktuellen emotionspsychologischen Befunden, die Stimme könne weniger gut lügen als das Gesicht? Was macht es mit uns, wenn wir der Stimme nicht (mehr) trauen können – in alltäglichen Kommunikationssituationen, aber auch in politischen Zusammenhängen?

Thomas Macho

»Zur Geschichte der Verdrängung fremder Stimmen im Film«

mit Ulrike Vedder

Donnerstag, den 10. November 2022 | 19.15 Uhr | Auditorium des Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrums, Geschwister-Scholl-Str. 1/3 (Berlin)*

Mein Vortrag wird sich in drei Teile gliedern. Im ersten Teil werde ich über das Stimmenhören – jenseits von immer noch verbreiteter Pathologisierung als Symptom der Schizophrenie – sprechen, unter Bezug auf jüngere Forschungen zur Geschichte und Wissenschaft der inneren Stimmen (Charles Fernyhough, Tanya M. Luhrmann, Ruvanee P. Vilhauer), aber auch auf zwei Romane, die um das Stimmenhören indigener Hauptfiguren kreisen, und zwar »Eisejuaz« von Sara Gallardo (aus dem Jahr 1971, die deutsche Übersetzung von Peter Kultzen erschien 2017), sowie »Menschentier« von Indra Sinha (aus dem Jahr 2007, die deutsche Übersetzung von Susann Urban erschien 2011). Welche Stimmen, so werde ich fragen, hören wir im Traum, im Rhythmus des Gehens, in Krisen und Konflikten, aber auch beim Lesen und Schreiben? Der zweite Teil meines Vortrags wird danach die Geschichte der Stimm- und Sprachsynchronisation im Film kurz umreißen, ausgehend von einem Zeichentrickfilm der Disney-Company über »Donald’s Dream Voice« (aus dem Jahr 1948). Am Rande werde ich auch einige Audio-Beispiele der auf zwei CDs erschienenen Sammlungen »Liebesgrüße aus Hollywood« (von 1999 und 2002) kommentieren, auf denen deutsche Synchronsprecher*innen prominenter US-Filmstars deutsche Lyrik vortragen. Im dritten Teil soll dann die digitale Stimme im Mittelpunkt stehen, etwa unter Bezug auf Beispiele aus Computerspielen, die das Stimmenhören in virtuellen Welten (für die Kopfhörer der Spieler*innen) simulieren.

Thomas Macho – Kulturwissenschaftler und Philosoph, seit 2016 Direktor des Internationalen Forschungszentrums Kulturwissenschaften Linz (IFK) in Wien, zuvor Professor für Kulturgeschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin; Forschungsinteressen liegen u.a. bei der Kulturgeschichte der Mensch-Tier-Beziehungen, dem Tod und Totenkulten sowie der Theorie und Ästhetik des Films; mit der Stimme befasste Macho sich in zahlreichen Publikationen, u.a. in dem Band »Zwischen Rauschen und Offenbarung. Zur Kultur- und Mediengeschichte der Stimme« (2002, mit Friedrich Kittler und Sigrid Weigel); Macho wurde mehrfach für seine publizistische Arbeit ausgezeichnet, darunter 2019 mit dem Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa sowie 2020 mit dem Österreichischen Staatspreis für Kulturpublizistik; jüngst erschien sein Buch »Warum wir Tiere essen« (2022).

Lawrence Abu Hamdan

»The People‘s Tribunal of Inadmissible Speech«

mit Britta Lange

Donnerstag, den 8. Dezember 2022 | 19.15 Uhr | Auditorium des Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrums, Geschwister-Scholl-Str. 1/3 (Berlin)*

The talk will propose different categories of witnessing, evidence, and the production of truth, which inturn necessitate new practices of  listening. By presenting the recent projects by the artist, this talk will focus on the aesthetic strategies required to produce conditions for listening to testimony that sits awkwardly in the forums we conventionally designate for the production of truth and history.

Lawrence Abu Hamdan – Künstler, Audio-Forensiker und Autor; seine künstlerischen Arbeiten befassen sich v.a. mit dem ›Politischen des Zuhörens‹ und dessen Auswirkungen auf Menschenrechte und Rechtsprechung im Allgemeinen; das Werk umfasst Audiodokumentationen, Filme, Performances und Installationen, von denen viele in Einzelausstellungen weltweit gezeigt wurden, darunter »Contra-Diction. Speech Against Itself« (Paris, 2016), »The Voice Before the Law« (Berlin, 2019) und jüngst »Air Conditioning« im Hamburger Bahnhof (2022); Abu Hamdan ist darüber hinaus an forensischen Untersuchungen von Tonaufnahmen beteiligt – in diesem Rahmen unterstützte er die Arbeit von Hilfsorganisationen wie Amnesty International und Defence for Children International, welchen er bei der Beweisfindung von Kriegsverbrechen half.

Britta Lange – Kulturwissenschaftlerin, derzeit wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Kulturwissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin; Forschungsschwerpunkte liegen auf Konzepten materieller Kulturen, des Sammelns und Ausstellens, der Wissensgeschichte früher Foto-, Film- und insbesondere Tondokumente in kolonialen und postkolonialen Konstellationen; in ihrer Habilitationsschrift »Gefangene Stimmen. Tonaufnahmen von Kriegsgefangenen aus dem Lautarchiv 1915 – 1918« (2019) setzt Lange sich u.a. mit den technischen, institutionellen und sammlungsethischen Dimensionen historischer Tondokumente auseinander – die Studie traf auf viel mediale Aufmerksamkeit und wurde jüngst ins Englische übersetzt; aktuell arbeitet Lange an einem Forschungsprojekt zur Geschichte der Seidenkultur.

Marcel Beyer

»Die Stimme bleibt fremd. Die Stimme bleibt in Bewegung. Bis Gütersloh«

mit Lothar Müller

Donnerstag, den 19. Januar 2023 | 19.15 Uhr | Auditorium des Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrums, Geschwister-Scholl-Str. 1/3 (Berlin)*

Im Jahr 1877 macht der Phonograph die Stimme unabhängig von ihrer Quelle, dem menschlichen Körper,. Stimmen beginnen zu reisen, sie reisen weiter und intensiver, als es Menschen bis heute tun. Sie reisen ihren Quellen voraus, mitunter ist es, als wären sie Vorboten der körperlichen Präsenz: Erst erreicht die Stimme von Elvis Presley Westdeutschland, dann trifft er selbst am 1. Oktober 1958 in Bremerhaven ein. Und eine Stimme reist noch lange umher, nachdem der Mensch, dem sie gehörte, auf einer Reise den Tod gefunden hat wie etwa der serbische Sänger Šaban Šaulić im Februar 2019 bei der Rückfahrt von einem Auftritt auf der A2 bei Gütersloh.

Marcel Beyer – Schriftsteller, Herausgeber und Musikkritiker; Beyers literarisches Werk wurde vielfach ausgezeichnet, darunter 2016 mit dem renommierten Georg-Büchner-Preis; viele seiner Schriften eint die Auseinandersetzung mit der Geschichte des Nationalsozialismus und den Möglichkeiten ihrer poetischen Verarbeitung; häufig fällt dabei der menschlichen Stimme sowie dem Akustischen im Allgemeinen eine große Bedeutung zu – so u.a. in dem Roman »Flughunde« (1995), der von den Tonaufzeichnungen eines Akustikers und Stimmforschers während der NS-Zeit erzählt; Tondokumente als Zeitzeugen und gleichzeitig Akteure einer Jetztzeit spielen auch in dem Gedichtband »Falsches Futter« (1997) sowie der Essay-Sammlung »Das blindgeweinte Jahrhundert. Bild und Ton« (2017) eine Rolle; zuletzt erschien der Gedichtband »Dämonenräumdienst« (2020).

Sigrid Weigel

»Figurationen von Stimme und Ohr: der Beichtstuhl – die Couch – das Programm«

mit Stefan Willer

Donnerstag, den 2. Februar 2023 | 19.15 Uhr | Auditorium des Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrums, Geschwister-Scholl-Str. 1/3 (Berlin)*

Sigrid Weigel – Literatur- und Kulturwissenschaftlerin, bis zur Emeritierung 2015 Direktorin des Leibniz-Zentrums für Literatur- und Kulturforschung und Professorin an der Technischen Universität Berlin; Weigel gilt als Wegbereiterin der Kultur- und Genderforschung an deutschen Universitäten und setzte in diesen Wissensfeldern zentrale Impulse; ihre Forschungsinteressen liegen u.a. bei Konzepten der Zeugenschaft, des Erbes und der Generation, bildtheoretischen Fragen, dem Nachleben von Ritual, Mythos und Religion in der Moderne sowie den Schriften Walter Benjamins, Aby Warburgs, Hannah Arendts u.a.; mit der Stimme befasste sie sich in zahlreichen Publikationen, u.a. als Medium des Nachlebens und im Aufsatz »Die Stimme. Von der Sprache und über sie hinaus« (2016); Weigel ist Trägerin mehrerer Ehrendoktorwürden und wurde 2016 mit dem Aby Warburg-Preis der Stadt Hamburg ausgezeichnet.

* Der Zugang ist barrierefrei.