PublikationenElisabeth Wagner, Burkhardt Wolf (Hrsg.):
Mit einer künstlerischen Recherche von Maria Eichhorn und mit Beiträgen von Stephan A. Jansen, Herfried Münkler, Ivan Krastev, Susan Rose-Ackerman, Johann Graf Lambsdorff, Gunter Gebauer, Ines Geipel und Wolfgang Schild. Die öffentliche Meinung zur aktuellen Finanzkrise hat den Zweifel an der Kompetenz und der Integrität von Politikern, Managern und Verwaltungen, an ihrer Selbstverpflichtung auf das Gemeinwohl verstärkt. Partikulare Interessen und Vorteilsnahmen werden fast täglich entdeckt und selbstverständlich moralisch verurteilt. Aber welche wirtschaftlichen, politischen, sozialen und persönlichen Machenschaften an der Grenze von Legitimität und Legalität setzen den Mechanismus von Korruption in Gang? Korruption schafft ein eigenes System von Abhängigkeiten (die Mafia), im unternehmerischen Bereich schafft sie Marktanteile und sichert Arbeitsplätze (der sog. Siemensskandal), im Sport sorgt sie für Höchstleistungen (Dopingaffären). Ist diese Dynamik von Korruption nicht nur ein Störfall der Gesellschaft, sondern ihr fester Bestandteil, »ein Streit der Gesellschaft mit sich selber« (Dirk Baecker)?
Elisabeth Wagner, Burkhardt Wolf (Hrsg.):
VerWertungen von Vergangenheit. Mosse-Lectures 2008. Berlin: Vorwerk 8, 2009 (ISBN: 3-940384-19-5). Mit Beiträgen von Elena Esposito, Harun Farocki, Andreas Huyssen, Anselm Kiefer, Christoph Ransmayr, Wendelin Schmidt-Dengler (†) und Elisabeth Wagner. Der Gedanke daran, wie etwas geworden und vergangen ist, geht oft verloren in der Allgegenwärtigkeit aktueller Meinungen und Gefühle ebenso wie in der grenzenlosen Dynamik digitaler Gedächtnisse. Vergangenheit ist zur virtuellen Gegenwart geworden. Gleichwohl hat alles Frühere Konjunktur: in zahllosen Rückblicken und Retrospektiven stellst sich die Mediengesellschaft auf sämtlichen Kanälen je aktuelle Bilder von Vergangenheit her. Nie zuvor war Vergessen so gut vereinbar mit der dauernden Revision und dem unablässigen Revirement unterschiedlichster Vergangenheiten. Vor diesem Hintergrund sind die Grenzen zwischen einer kritischen Wertung und einer bloßen Verwertung von Vergangenheit zu bestimmen. Die vielfältige Erinnerungspraxis und Gedächtnispolitik von Kunst, Literatur, Film und Wirtschaft sind das Thema dieses Bands. Elena Esposito (Bologna) zeigt, wie Vergangenheit und Zukunft die Finanzmärkte - nicht nur in Zeiten der Krise - als stets erneuerbare „Gegenwarten“ beleben. Andreas Huyssen (New York) vergleicht die in verschiedenen Ländern und Kulturen unterschiedlichen „VerWertungen“ des Holocaust.„Wie Opfer zeigen“, fragt Harun Farocki und erkundet die Möglichkeiten und Grenzen einer Ikonographie von KZ-Bildern mit Beispielen aus seinem neuen Film „Aufschub“. Anselm Kiefer hat den „Frauen der Antike“ Gestalt gegeben, von Elisabeth Wagner beschrieben als Restitution der in den Wissensbeständen verschütteten Körper und Köpfe. Der inzwischen verstorbene Wendelin Schmidt-Dengler (†) rekapituliert und interpretiert die vier Anfänge der Romane von Christoph Ransmayr, die dieser in den Mosse-Lectures gelesen hat. Ein literarisches Zwiegespräch, in dem wie in allen Beiträgen dieses Bands jene „Ferne“ ausgemessen wird, die eine Gegenwart von sich selber trennt.
Elisabeth Wagner, Burkhardt Wolf (Hrsg.):
Bis heute gilt die Odyssee als Urbild abenteuerlicher Unternehmungen. Im Rückgang auf diesen ›Ursprung aller Dichtung‹ haben ihre zahllosen Rekursionen, die unterschiedlichsten ›Odysseen‹, ein fundamentales Programm dessen ausgeprägt, was man ›abendländische Kulturgeschichte‹ nennen mag. Dass raumgreifende Politik und kulturbegründende Poesie auf medientechnische Basiscodes zurückgehen, zeigt sich schon in den Gesängen der Odyssee selbst: Zugleich Epos und Segelhandbuch, macht Homers Odyssee nicht nur die Routen antiker Seeleute ›er-fahrbar‹; im Medium des Vokalalphabets und Hexameters ermöglicht das Epos auch allererst das Abenteuer abendländischer Poesie. Was jedoch den Griechen noch als poetische und heldenhafte ›Verschlagenheit‹ gilt, reduziert Rom zu einem literarischen Nebenaspekt seiner imperialen Expansion, ehe es die Spätantike und das christliche Mittelalter als bloße Heimtücke verwirft. Seit Dantes Commedia wird Odysseus deshalb zu einem Abenteurer ohne Wiederkehr: Einmal über die Säulen des Herakles hinausgesegelt, wird sein Abenteuer zum Betrug an der Schöpfung und zum Exempel einer gottvergessenen Weltneugierde. Von jeher aber war Odysseus ein polytropos, ein Mann der ›vielen Örter‹. Und von jeher war im Programm der Odyssee sowohl die Heimkehr als auch die Irrfahrt angelegt – ganz so, wie es den neuzeitlichen Autoren ihre poetischen Örter, aber auch die Möglichkeit zu deren Überschreitung anwies. James Joyces Ulysses versteht sich somit abermals als ›Ricorso‹: ein Julitag des Jahres 1904 wird zum ›Chaosmos‹ abendländischen Wissens und zum ›Welt-Alltag der Epoche‹. Stanley Kubrick schließlich treibt die Homer-Rekursionen noch über das Ende der Gutenberg-Galaxis hinaus. Was die visuellen und akustischen Bilder seiner Space Odyssey vorführen, ist eine Archäologie unserer Zukunft: einerseits das Abenteuer, Maschinen wie Menschen zu programmieren, andererseits das Unternehmen, nach dem Globus nun auch das Weltall zu kolonisieren. Mit Beiträgen von: Walter Burkert, Piero Boitani, Klaus Reichert, Friedrich Kittler, Elisabeth Wagner, Burkhardt Wolf
Thomas Macho, Gert Mattenklott, Klaus R. Scherpe: Künste der Verneinung. Öffentliche Vorlesungen der Humboldt-Universität. Berlin, 2007.
Klaus R. Scherpe, Elisabeth Wagner (Hrsg.):
Man blickt erschrocken auf »und sieht, dass man vom Kontinent des Menschen schon weit entfernt ist« schrieb Walter Benjamin zum zehnjährigen Todestag von Franz Kafka 1934. In Kafkas Erzählungen ist die Grenze zwischen Mensch und Tier, zwischen Natur und Kulturganz unbestimmt. Zum Grenzfall wird das individuelle und das soziale Menschsein, ebenso der Übergang vom Organischen ins Technische. Nicht nur sind Kafkas Tiergeschichten und die auf »K« und seinesgleichen gerichteten Geschichten von Maschinen und Apparaten, von Rechtsordnungen und Verwaltungen menschenfern. Kafkas Schreiben ist selbst, unter Schmerzen, von dem durchdrungen, was es beschreibt – optisch und akustisch, von Film, Telefon-, Schreib- und Rechenmaschinen. Wie konnte die Schreibarbeit des Prager Juristen und Unfallversicherungs-Angestellten aus jüdischer Familie zum Kontinent des ›Kafkaesken‹ werden, zur Zeichenfläche der modernen Welt schlechthin ? Seine Literatur war kein schönes Festland, kein Territorium, schon gar kein »Kontinent des Menschen«, den Benjamin mit Kafka in der Ferne verschwinden sieht. Dass keine Sinngebung und keine sogenannte Kommunikation ist in dem, was Kafkas Literatur wortwörtlich mitteilt, macht offenbar ihre Faszination aus. Es ist das total Gegenständliche seiner Prosa, an dem die Bedeutungen abgleiten, das Materiale, das die Aufmerksamkeit, die eigene und die des Lesers, ergreift und sofort praktisch werden lässt. Die in den Mosse-Lectures und weiteren Veranstaltungen gehaltenen Berliner Kafka-Vorlesungen von 2005 bilanzieren die bewährten Forschungen und präsentieren neue Arbeitsweisen und Erkenntnismöglichkeiten zu seinen Schriften. Der Band ist ausgestattet mit eigens dafür angefertigten Graphiken des türkischen Künstlers Ergin Inan. Seine Aufzeichnungen von Menschen, Leben, von Wissen und Erfahrung und sein Arbeiten mit Kalligraphie, Insekten und anatomischen Figuren bilden einen ganz eigenen Kafka-Kommentar. Weitere Beiträge von: Walter H. Sokel, Elizabeth Boa, Gerhard Neumann, Detlef Kremer, Joseph Vogl, Klaus R. Scherpe, Benno Wagner, Elisabeth Wagner und Burkhardt Wolf Étienne Balibar, Friedrich A. Kittler, Martin van Creveld: Vom Krieg zum Terrorismus. Öffentliche Vorlesungen der Humboldt-Universität. Berlin 2002. |

Korruption. Mosse-Lectures 2010. Berlin: Vorwerk 8, 2011 (ISBN: 
Odysseen. Mosse-Lectures 2007. Berlin: Vorwerk 8, 2008 (ISBN: 3-940384-11-9).
Kontinent Kafka. Mosse-Lectures 2005.