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Dienstag, 21. November 2017 seit 1997 Wintersemester 2018/2019

Programm

  • Peter Geimer

    9.11.2017
    Unvollendete Vergangenheit. Geschichte und ihre Nachbilder
    Uhr c.t.,

non finito, unfinished, unfertig

Fluchtlinien des Kreativen in Kunst, Literatur und Wissenschaft

»Ein Werk zu vollenden, heißt es zu töten.« Ein Kraftzentrum der Kunstmoderne manifestiert sich in Sätzen wie diesem. Das non finito - die Vorstellung des nicht zu vollendenden Werkes - hat die Künstler seit der Renaissance aktiviert und fasziniert. Der Entwurfcharakter von Leonardos Werk steht im Zeichen der prescienca, dem Vor-Wissen angesichts der stets zu erahnenden Vorläufigkeit und Unabgeschlossenheit der Natur. Die Moderne lenkt die Aufmerksamkeit auf das Prozessuale, die bild- und textgenetische Dimension des Kreativen. Zum Eklat des Unfertigen - der Unmöglichkeit, die lebendige Natur in der Kunst nachzubilden und zu übertreffen – kommt es in Balzacs Künstlernovelle Le Chef-d’œuvre inconnu von 1830. Die Unmöglichkeit, die Vision des Künstlers in einem Werk zu vergegenständlichen, animiert die Einbildungskraft auf dem Weg zur abstrakten Kunst der Moderne. In der literarischen Gefolgschaft dieses Umbruchs lässt sich die Revision des Werkcharakters verfolgen, wie Deleuze sie retrospektiv formuliert hat: das »Schreiben ist eine Sache des Werdens, stets unfertig, stets im Entstehen begriffen.« Valéry notiert, dass »das Werk niemals notwendigerweise vollendet« sei, der Künstler »gewinnt daraus die Mittel, es zu vernichten und noch einmal zu machen.« Kafkas erzählerische Welt ist geprägt vom unentwegten Aufschub in Raum und Zeit. Es ›verzehrt‹ sich auf einzigartige Weise im Iterativen und Seriellen, im Supplement. Umberto Eco hat in seinem für die moderne Kunst, Literatur und Literaturtheorie inzwischen kanonischen Opera aperta von 1962 die Paradigmen des Werkganzen und der Autorschaft grundsätzlich in Frage gestellt, aber weiter als Referenzrahmen gelten lassen. In der bildenden Kunst und Malerei setzt der Verzicht auf die Finalität des Schaffensprozesses Energien frei für einen anderen Umgang mit der Materialität: die Experimente des Übermalens und Überblendens bei Gerhard Richter beispielsweise. Die moderne Musik verabschiedet in ihren Experimenten - mit der fortlaufenden Erweiterung, Korrektur und Ergänzung des vorgegebenen Materials - die ultimative Geltung des vollendeten Werks. Für die seit den neunziger Jahren von Literatur und Kunst inspirierte Wissenschaftstheorie der »Experimentalkulturen« ist der Kerngedanke des unfinished eine selbstverständliche Voraussetzung des prozessualen Denkens. In diesem Programm der Mosse-Lectures soll es im Rückblick auf die Vorgeschichte des modernen infinito um eine erweiterte Spurensuche der hier wirksamen kreativen Energien gehen, um künstlerische, literarische und medial inspirierte Versuche und Praktiken dieser Figuration in neuerer Zeit. Und in neuester Zeit? Es spricht vieles dafür, das Unfertige gewähren zu lassen und das Perfekte zu meiden. 

Programm

Peter Geimer 9.11.2017 Unvollendete Vergangenheit. Geschichte und ihre Nachbilder Uhr c.t.,

Von dem, was nicht mehr ist, schreibt Johann Joachim Winckelmann, »bleibt weniger im Gedächtnis als die Spur von einem Schiff im Wasser«. Wo nicht einmal mehr Reste und Ruinen zu entziffern sind, herrscht völliges Vergessen. Einhundert Jahre später erinnert Friedrich Nietzsche an die ebenso zutreffende Wahrheit, dass das Vergangene gar nicht verschwindet und auch ungefragt erscheinen kann: »der Augenblick, im Husch da, im Husch vorüber, vorher ein Nichts, nachher ein Nichts, kommt doch noch als Gespenst wieder, und stört die Ruhe eines späteren Augenblicks.« Vor dem Hintergrund dieser paradoxen Erscheinung des Vergangenen – als gleichermaßen vergangen und unfertig, vorbei und unvollendet – fragt der Vortrag nach der besonderen Funktion der Bilder. Am Beispiel konkreter Fallstudien aus der Geschichte der Historienmalerei, der Fotografie und des Historienfilms geht es um die Latenz des Vergangenen im Bild, um den Anachronismus und das Nachleben der Bilder.


Peter Geimer ist Professor für Kunstgeschichte an der Freien Universität Berlin und Ko-Sprecher der Kolleg-Forschergruppe "BildEvidenz. Geschichte und Ästhetik". Letzte Buchveröffentlichungen: "Derrida ist nicht zu Hause. Begegnungen mit Abwesenden" mit einem Nachwort von Marcel Beyer, Hamburg 2013; "Bilder aus Versehen. Eine Geschichte fotografischer Erscheinungen", Hamburg 2010; "Theorien der Fotografie", Hamburg 2009 (5. Auflage 2007).

Fotos

  • Ethel Matala de Mazza bei der Einführung     © Niels Leiser
  • Peter Geimer bei seiner MOSSE-LECTURE     © Niels Leiser
  • Peter Geimer spricht zur "Unvollendeten Vergangenheit"     © Niels Leiser
  • Peter Geimer mit einem seiner Exempel im Hintergrund     © Niels Leiser
  • 177. Mosse-Lecture im Senatssal der HU, am Pult: Peter Geimer     © Niels Leiser
  • Diskussion nach dem Vortrag: Ethel Matala de Mazza und Peter Geimer      © Niels Leiser
  • Kommentare aus dem Pulikum: Erik Porath     © Niels Leiser
  • Ulrike Vedder fragt nach     © Niels Leiser
  • Diskussionsteilnehmer     © Niels Leiser
  • Diskussion mit Peter Geimer: Klaus Krüger fragt nach     © Niels Leiser
  • Fragen aus dem Publikum     © Niels Leiser
  • Ethel Matala de Mazza und Peter Geimer vor den Humboldt-Brüdern     © Niels Leiser