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Dienstag, 26. September 2017 seit 1997 Wintersemester 2018/2019
FOTOS: Pankaj Mishra + Jubiläumsvortrag 20 Jahre Mosse-Lectures mit Jost Hermann + Dieter Langewiesche + Colin Crouch + Christoph Menke

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Mosse-Lectures im Wintersemester zum Thema "Fluchtlinien des Kreativen in Kunst, Literatur und Wissenschaft"


mit Peter Geimer, Barbara Naumann, u.a.

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infinito, unfinished, unfertig

Fluchtlinien des Kreativen in Kunst, Literatur und Wissenschaft

»Ein Werk zu vollenden, heißt es zu töten.« Ein Kraftzentrum der Kunstmoderne manifestiert sich in Sätzen wie diesem. Das non finito - die Vorstellung des nicht zu vollendenden Werkes - hat die Künstler seit der Renaissance aktiviert und fasziniert. Der Entwurfcharakter von Leonardos Werk steht im Zeichen der prescienca, dem Vor-Wissen angesichts der stets zu erahnenden Vorläufigkeit und Unabgeschlossenheit der Natur. Die Moderne lenkt die Aufmerksamkeit auf das Prozessuale, die bild- und textgenetische Dimension des Kreativen. Zum Eklat des Unfertigen - der Unmöglichkeit, die lebendige Natur in der Kunst nachzubilden und zu übertreffen – kommt es in Balzacs Künstlernovelle Le Chef-d’œuvre inconnu von 1830. Die Unmöglichkeit, die Vision des Künstlers in einem Werk zu vergegenständlichen, animiert die Einbildungskraft auf dem Weg zur abstrakten Kunst der Moderne. In der literarischen Gefolgschaft dieses Umbruchs lässt sich die Revision des Werkcharakters verfolgen, wie Deleuze sie retrospektiv formuliert hat: das »Schreiben ist eine Sache des Werdens, stets unfertig, stets im Entstehen begriffen.« Valéry notiert, dass »das Werk niemals notwendigerweise vollendet« sei, der Künstler »gewinnt daraus die Mittel, es zu vernichten und noch einmal zu machen.« Kafkas erzählerische Welt ist geprägt vom unentwegten Aufschub in Raum und Zeit. Es ›verzehrt‹ sich auf einzigartige Weise im Iterativen und Seriellen, im Supplement. Umberto Eco hat in seinem für die moderne Kunst, Literatur und Literaturtheorie inzwischen kanonischen Opera aperta von 1962 die Paradigmen des Werkganzen und der Autorschaft grundsätzlich in Frage gestellt, aber weiter als Referenzrahmen gelten lassen. In der bildenden Kunst und Malerei setzt der Verzicht auf die Finalität des Schaffensprozesses Energien frei für einen anderen Umgang mit der Materialität: die Experimente des Übermalens und Überblendens bei Gerhard Richter beispielsweise. Die moderne Musik verabschiedet in ihren Experimenten - mit der fortlaufenden Erweiterung, Korrektur und Ergänzung des vorgegebenen Materials - die ultimative Geltung des vollendeten Werks. Für die seit den neunziger Jahren von Literatur und Kunst inspirierte Wissenschaftstheorie der »Experimentalkulturen« ist der Kerngedanke des unfinished eine selbstverständliche Voraussetzung des prozessualen Denkens. In diesem Programm der Mosse-Lectures soll es im Rückblick auf die Vorgeschichte des modernen infinito um eine erweiterte Spurensuche der hier wirksamen kreativen Energien gehen, um künstlerische, literarische und medial inspirierte Versuche und Praktiken dieser Figuration in neuerer Zeit. Und in neuester Zeit? Es spricht vieles dafür, das Unfertige gewähren zu lassen und das Perfekte zu meiden. 

Die MOSSE-LECTURES an der Humboldt-Universität zu Berlin sind eine Veranstaltungsreihe der:

MOSSE FOUNDATION

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Publikationen

Mosse Almanach 2017. Berlin, 2017

Elisabeth Wagner (Hrsg.)

Historisch nachgezeichnet wird die Berliner Mosse-Topographie, resümiert und dokumentiert wird die wissenschaftliche und öffentliche Tätigkeit der Mosse-Lectures mit über 170 Veranstaltungen in zwanzig Jahren.

Konversionen. Berlin, 2016

Ulrike Vedder, Elisabeth Wagner (Hrsg.)

Mit Originalbeiträgen von Sarah Stroumsa, Stefan Weidner, Christoph Peters, Klaus Briegleb, Thomas Macho, Eric Porath, Hans Joas und Stephen Greenblatt und einigen Abbildungen von James Turell.

Literarische Nachbarschaften. Berlin, 2016

Lothar Müller, Klaus R. Scherpe (Hrsg.)

Mit Originalbeiträgen von Brigitte Kronauer, Reinhard Jirgl, Lutz Seiler, Colm Toibin und Vladimir Sorokin, kommentiert von Lothar Müller und Klaus Scherpe, Bildpräsentation der »materialen Nachbarschaften« Max Wechslers von Elisabeth Wagner.

Europa in anderen Kulturen. Berlin, 2015

Klaus R. Scherpe, Elisabeth Wagner (Hrsg.)

Mit Beiträgen von Sebastian Conrad, Dan Diner, Wang Hui, Andreas Huyssen, William Kentridge, Jürgen Osterhammel, Gayatri Chakravorty Spivak, Elisabeth Wagner und Georg Witte.

Staatsbürgerschaft. Berlin, 2012

Klaus R. Scherpe, Elisabeth Wagner (Hrsg.)

Mit Beiträgen von Étienne Balibar, Norbert Lammert, Philip D. Murphy, Dieter Gosewinkel, Ayelet Shachar, Samantha Besson, Aaron Ezrahi, Moshe Zimmermann, Anja Streiter, Guillermo Kuitca, kommentiert von Elisabeth Wagner.

Korruption. Berlin, 2011

Elisabeth Wagner, Burkhardt Wolf (Hrsg.)

Mit einer künstlerischen Recherche von Maria Eichhorn und mit Beiträgen von Stephan A. Jansen, Herfried Münkler, Ivan Krastev, Susan Rose-Ackerman, Johann Graf Lambsdorff, Gunter Gebauer, Ines Geipel und Wolfgang Schild.

VerWertungen von Vergangenheit. Berlin, 2009

Elisabeth Wagner, Burkhardt Wolf (Hrsg.)

Mit Beiträgen von Elena Esposito, Harun Farocki, Andreas Huyssen, Anselm Kiefer, Christoph Ransmayr, Wendelin Schmidt-Dengler (†) und Elisabeth Wagner.

Odyssen. Berlin, 2008

Elisabeth Wagner, Burkhardt Wolf (Hrsg.)

Mit Beiträgen von: Walter Burkert, Piero Boitani, Klaus Reichert, Friedrich Kittler, Elisabeth Wagner und Burkhardt Wolf.

Kontinent Kafka. Berlin, 2005

Klaus R. Scherpe, Elisabeth Wagner (Hrsg.)

Weitere Beiträge von: Walter H. Sokel, Elizabeth Boa, Gerhard Neumann, Detlef Kremer, Joseph Vogl, Klaus R. Scherpe, Benno Wagner, Elisabeth Wagner und Burkhardt Wolf

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