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Donnerstag, 26. April 2018 seit 1997 Sommersemester 2018

Archiv

Literarischer Atlas

Die Mosse-Lectures, veranstaltet vom Institut für deutsche Literatur, haben sich seit ihrer Gründung 1997 zu einem wichtigen Forum für den wissenschaftlichen Austausch und die Wissensvermittlung entwickelt und eine Vielzahl international renommierter Referenten für einen Auftritt in Berlin gewonnen. Eine Veranstaltungsreihe zum Thema „Literarischer Atlas: Dichter und ihre Ortschaften“ ist der Beitrag der Mosse-Lectures zum zweihundertjährigen Jubiläum der Humboldt-Universität. Autorinnen und Autoren aus fünf verschiedenen Ländern und Kulturen werden zu Gast sein: für Vorträge, Lesungen und Gespräche mit deutschen Partnern

„Ein anderer Ort“ („Elsewhere, Perhaps“) nannte Amos Oz 1966 seinen ersten Roman über den Kibbuz im nördlichen Israel, in dem er bis 1986 lebte: ein „Ort radikaler als Tel Aviv“. In seinem großen Roman „Eine Geschichte von Liebe und Finsternis“ (2002, dt. 2004) nimmt er diesen Faden auf: mit einer Fiktion vor Ort, die in der kleinen und geschlossenen Lebenswelt ein Universum des Erzählens entdeckt. Christoph Markschies, der Präsident der Humboldt-Universität, wird den israelischen Autor begrüßen und die Veranstaltung moderieren. Kiran Nagarkar einer der bedeutendsten und umstrittensten Autoren des indischen Subkontinents lebte und lebt als Gast des DAAD und des Wissenschaftskollegs für längere Zeit in Berlin. Er spricht zur Kultur und Literatur seiner Heimatstadt Bombay (Einführung und Gespräch: Ulrike Draesner). Für Orhan Pamuk, der 2006 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet wurde und heute zeitweise in New York lebt, ist Istanbul die Lebenswelt seiner Romane: an der Grenze (und diese Grenze überschreitend) zur westlichen Kultur (begleitet von Andreas Huyssen, Kulturhistoriker, Literatur- und Kunstkritiker an der Columbia University in New York). „Eine Sprache, die ich nicht verstehe, sagt mir etwas“, schreibt Yoko Tawada aus Japan, die unter den großen Städten vor allem die Hafenstädte liebt und die Literatur, wie in ihrem Buch „Überseezungen“ (2002), als schöpferische Übersetzung in verschiedene Sprachen begreift. (Lesung und Gespräch mit Sigrid Weigel). Juri Andruchowytsch aus Franyk (Ukraine), dessen Romane und Essays in deutscher Übersetzung vorliegen, hat mit seinem neuen Buchprojekt „Enzyklopädie meiner Städte“ eine Geopoetik als Mischung aus Geographie und Literatur entwickelt (Lesung und Gespräch mit Sylvia Sasse, Universität Zürich).

Pressestimmen


DPA-Meldung 15. Januar 2010
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Ankündigung RBB-Online 15. Januar 2010
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Bericht der Berliner Literaturkritik 15. Januar 2010
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Die Welt 16. Januar 2010
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Der Tagesspiegel 16. Januar 2010
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Frankfurter Allgemeine Zeitung 16.01.2010
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Süddeutsche Zeitung 16.01.2010
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Die tageszeitung 6./7. Februar 2010
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Programm

Amos Oz Arad und Tel Aviv Einführung und Gespräch: Christoph Markschies Mittwoch, 14.10.2009, 19 Uhr c.t., Senatssaal, Unter den Linden 6, 1. Stock

»Ein anderer Ort« nannte Amos Oz 1966 seinen ersten Roman über den Kibbuz Hulda im nördlichen Israel, in dem er bis 1986 lebte: »ein Ort radikaler als Tel Aviv.« Sein großer autobiographischer Roman »Eine Geschichte von Liebe und Finsternis« (dt. 2004) ebenso wie die gerade in deutscher Übersetzung erschienenen »Geschichten als Tel Ilan« nehmen diesen Gedanken auf. Vor Ort, auf engstem Raum, ist das Leben keineswegs friedlich, zwischen Pionieren und Propheten, die die gemeinsame Sache immer anders sehen.»Wenn du Israel verstehen willst«, so hat Amos Oz zu seinem Freund Siegfried Lenz gesagt, so bleibe in den Strassen still stehen in der Hitze der Nacht, wenn die Menschen auf dem Balkon schlafen. Man »hört sie in ihren Angstträumen seufzen und stöhnen und wimmern, sie träumen in mehreren Sprachen, überwältigt von Vergangenheiten, die nicht aufhören wollen.«

Amos Oz liest aus diesen beiden Werken in hebräischer Sprache. Die deutsche Übersetzung trägt die Schauspielerin Nina Herting vor. Der Präsident der Humboldt-Universität, Professor Dr. Dr. h.c. Christoph Markschies wird den Autor begrüßen und ein Gespräch mit ihm führen.

Fotograf: Niels Leiser
Kameraführung: Monique Hamelmann

Fotos

  • Foto von Oz, Herting und Markschies

Kiran Nagarkar Bombay, z.Zt. Berlin Einführung und Gespräch: Ulrike Draesner Donnerstag, 19.11.2009, 19 Uhr c.t., Senatssaal, Unter den Linden 6, 1. Stock

Kiran Nagarkar auf den Seiten des A1-Verlags.

Webseite von Ulrike Draesner.

Der bevorzugte Schauplatz in Kiran Nagarkars Romanen ist Bombay, die Metropole, in der sich nach Salman Rushdie sämtliche Indien treffen, und Indien die Einflüsse aus dem Rest der Welt treffen. Ravan und Eddie sind in dem gleichnamigen Roman die Protagonisten, der eine Hindu-Sprößling, der andere portugiesisch-stämmiger Katholik. Beide wachsen in einem Chawl auf, dem für Bombay typischen vier- bis fünfstöckigen Mietshaus, das hier zu einem mikrokosmischen Abbild der heterogenen indischen Gesellschaft wird, bar jeder romantischen Vorstellung von einem multikulturellen Miteinander. Und auch in Gottes kleiner Krieger ist Bombay der Ausgangsort für die Karriere des aus einer liberalen muslimischen Familie stammenden religiösen Fanatikers Zia Khan, die ihn über Cambridge zu den Terroristencamps in den Bergen Afghanistans führt und bald darauf vom abgeschiedenen Trappistenkloster in Kalifornien in die Machenschaften der internationalen Finanzwelt. Und immer wieder kehrt die Handlung nach Suleiman Mansion in Bombay zurück.

Kiran Nagarkar liest aus diesen beiden Werken in englischer Sprache. Die indienerfahrene Berliner Schriftstellerin Ulrike Draesner wird den Autor begrüßen und im Anschluss an die Lesung ein Gespräch mit ihm führen.

Fotograf: Niels Leiser

Fotos

  • Foto von Nagarkar und Draesner

Orhan Pamuk Istanbul und New York »What Happens to Us as We Read Novels« Kommentar und Gespräch: Andreas Huyssen Donnerstag, 14.01.2010, 19 Uhr c.t., Audimax, Unter den Linden 6

Kommentar und Gespräch: Andreas Huyssen

ACHTUNG: VERANSTALTUNG WURDE IN DAS AUDIMAX DER HU VERLEGT!!!!

(Veranstaltung in englischer Sprache)

Ausgehend von Friedrich Schillers Abhandlung »Über naive und sentimentalische Dichtung« von 1795/96 widmet sich Orhan Pamuks Vortrag Fragen des Lesens und Schreibens des Romans: Der Wunsch nach einem direkten Zugang zur Wirklichkeit gerät in Widerspruch zur Reflexion über die schreibende und lesende Tätigkeit. Genau dieser Widerspruch allerdings macht den Reiz und den Reichtum dieser Form der Literatur aus. Gefühle und Gedanken prägen die Bilderwelt des Romans, die der Autor in Sprache übersetzt, so Orhan Pamuk, der malte, bevor er anfing, seine Bilder in Erzählungen umzusetzen. Wie kann es sein, dass der Leser eines Romans die ihm oft fremde Romanwelt als die eigene begreift, wie Anna Karenina, als sie im Zug von Moskau nach Sankt Petersburg aus dem Fenster blickend einen englischen Roman liest? Was suchen wir Leser in diesen Fiktionen? Ist der Roman nicht wie ein Museum voller Erzählungen, das unsere geheimen Sehnsüchte und Wünsche vergegenständlicht? »Ist der Autor vielleicht ein Chamäleon? « so fragte der Anthropologe Homi Bhabha nach, als Orhan Pamuk in den berühmten Norton Lectures der Harvard University sprach. Wie sei es möglich, dass der Autor in der Vielfalt der erfundenen Stimmen und Figuren seines Romans dennoch seine »biographische Präsenz« bewahren könne?

Andreas Huyssen, Professor für deutsche Literatur und Komparatistik, der an der Columbia University in New York mit Orhan Pamuk gemeinsame Seminare abhält, wird den Vortrag kommentieren und den Autor befragen.

Orhan Pamuk lebt in Istanbul und New York. 2006 erhielt er den Nobelpreis für Literatur. In seiner Erzählkunst ist er ein Vermittler zwischen dem modernen europäischen Roman und der mystischen Tradition des Orients. Sein Werk ist mittlerweile in 35 Sprachen übersetzt und in über 100 Ländern veröffentlicht. Zuletzt erschienen in deutscher Übersetzung: »Der Blick aus meinem Fenster« und »Das Museum der Unschuld« (beide 2008).

 

Deutsche Webseite von Orhan Pamuk.

Die Webseite von Andreas Huyssen an der Columbia-University.

 

Fotograf: Niels Leiser

Fotos

  • Orhan Pamuk     © Niels Leiser
  • Orhan Pamuk     © Niels Leiser

Yoko Tawada Berlin und Tokyo Einführung und Gespräch: Sigrid Weigel Donnerstag, 21.01.2010, 19 Uhr c.t., Senatssaal, Unter den Linden 6, 1. Stock

Webseite von Yoko Tawada.

Webseite von Sigrid Weigel am Zentrum f. Literatur- und Kulturforschung.

Sei es in Walter Benjamins „Haschisch in Marseille“ oder Guy de Maupassants „Mon oncle Jules“: eine Hafenstadt ist immer schon ein faszinierender Ort für mich gewesen. Meine literarische Reise „Wo Europa anfängt“ begann in Yokohama und später, während ich „Überseezungen“ schrieb, erlebte ich in Kapstadt, Amsterdam oder Boston kulturelle Übersetzungen als Abenteuer. In „Schwager in Bordeaux“ schrieb ich zum ersten Mal über die Hafenstadt Hamburg, wo ich 24 Jahre gelebt hatte. Es ist aber kein Buch der Erinnerungen, sondern es ging mir darum, die mehrsprachige Gegenwart „ideogrammatisch“ darzustellen.

Yoko Tawada
wurde 1960 in Tokyo geboren, sie lebte lange in Hamburg, studierte dort und in Tokyo Literaturwissenschaften, promovierte zum Thema »Spielzeug und Sprachmagie in der europäischen Literatur«. Sie lebt jetzt hauptsächlich in Berlin, schreibt in japanischer und deutscher Sprache: Gedichte, Prosa, Essays, Theaterstücke und erhielt zahlreiche Preise, u.a.: Chamissopreis, Akutagawa-Sho, Goethemedaille. Bisher erschienen von ihr 18 Buchpublikationen, darunter ihr Erstlingswerk »Nur da wo du bist da ist nichts« (zweisprachig, Japanisch-Deutsch, Gedichte und Prosa/ 1987), »Talisman« (Literarische Essays/ 1997, 6. Auflage 2007), »Was ändert der Regen an unserem Leben? Oder ein Libretto« (2006), »Das nackte Auge« (Erzählung/ 2005), »Überseezungen« (Literarische Essays und Erzählungen/ 2006), »Schwager in Bordeaux« (Roman/ 2008).

Sigrid Weigel ist Direktorin des Zentrums für Literatur- und Kulturforschung und Professorin an der TU Berlin. Sie ist Autorin etlicher Monografien (u.a. über Benjamin, Bachmann, Genea-Logik) und Herausgeberin vieler kultur- und literaturwissenschaftlicher Publikationen.

Fotograf: Dr. Carsten Schmieder

Fotos

  • Foto von Yoko Tawada
  • Foto von Sigrid Weigel und Yoko Tawada

Juri Andruchowytsch Franyk (Ukraine) Das geopoetische Lexikon: Eine intime Städtekunde Einführung und Gespräch: Sylvia Sasse Donnerstag, 04.02.2010, 19 Uhr c.t., Senatssaal, Unter den Linden 6, 1. Stock

Veranstaltung in deutscher Sprache

Juri Andruchowytsch beim Suhrkamp Verlag.

Sylvia Sasse am Zentrum f. Literatur- und Kulturforschung.

Ich möchte mehr von dem Buch erzählen, an dem ich gerade schreibe -- eine Art »Enzyklopädie meiner Städte«. Dieses Projekt wäre vor allem eine neue Verkörperung meiner langjährigen Geopoetik – einer spezifischen Kreuzung von Literatur und Geographie, meiner persönlichen Version dessen, was Literaturwissenschaftler cognitive mapping nennen.
Die alphabetische Reihenfolge, in der sich die Städte in die Struktur des Buches einfügen werden, erlaubt es, überkommene Hierarchien und Koordinatensysteme aufzubrechen – vor allem die des Raums, denn Detroit wird sich neben Dnipropetrowsk wiederfinden, Izmir neben Kaliningrad, Marburg neben Minsk und Czernowitz neben Chicago. Nicht weniger interessant ist die Möglichkeit, die Zeiten zu vermischen. Und dann vielleicht entsteht daraus eine völlig unerwartete Ganzheit: konzentriert-meditativ, an der Grenze von Roman, Essay, Novelle und Poem, irgendwo in der Mitte zwischen einer fiktiven Autobiographie und einer realen Dokumentation der letzten vier Jahrzehnte dieser Welt.

Juri Andruchowytsch, geboren 1960 in Iwano-Frankiwsk/Westukraine, dem früheren galizischen Stanislau, studierte Journalistik und begann als Lyriker. 1985 war er Mitbegründer der legendären literarischen Performance-Gruppe Bu-Ba-Bu (Burlesk-Balagan-Buffonada). In deutscher Sprache erschienen u.a. im Suhrkamp Verlag: Das letzte Territorium. Essays (2003), die Romane Zwölf Ringe (2005) und Moscoviada (2006). Zuletzt: Engel und Dämonen der Peripherie. Essays (2007) und Geheimnis: Sieben Tage mit Egon Alt (2008).


Sylvia Sasse, Professorin für Slawische Literaturwissenschaft an der Universität Zürich. Habilitation zur Poetik und Philosophie des Beichtens in der russischen Literatur. Publikationen u. a. zur Theorie der Performativität, zur Theatertheorie der Avantgarde und zur zeitgenössischen Kunst und Literatur; aktuelle Forschungsprojekte zur Geopoetik und zur Theorie der »ästhetischen Reaktion« in der russischen Avantgarde. Zuletzt erschien: Geopoetiken. Geographische Entwürfe in den mittel- und osteuropäischen Literaturen. Hg. mit Magdalena Marsza?ek (Berlin 2009).