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Samstag, 21. Juli 2018 seit 1997 Sommersemester 2018

Archiv

Möglichkeitssinn oder virtuelle Realität?

Auf der Utopie als Gesinnung lastet die Schwere der Vergangenheit und die noch schwerere Zukunft. Dagegen setzt Musils „Möglichkeitssinn“ die noch nicht geborenen möglichen Wirklichkeiten, eine Schnur, die man durchs Wasser zieht „und keine Ahnung hat, ob ein Köder daran sitzt“. Diese Leichtigkeit des Seins ist ebenso lebensnotwendig wie verführerisch.

Wie gewichtig können Kunst und Literatur dann sein? Wie wirklich ist ihr Möglichkeitssinn 100 Jahre nach Kakanien? Wie gegenwärtig ist ihnen ihr Wissen um ihre mediale Herstellbarkeit und institutionelle Machbarkeit? Bewahren und/oder erneuern sie ihre Werturteile und ihr Unterscheidungsvermögen? Was wird aus den spielerischen Möglichkeiten der Menschheitserzählungen, wenn die virtuellen Wirklichkeiten der technischen Medien den Möglichkeitssinn ausmachen?

Pressestimmen


die tageszeitung, 15. Februar 2009 - Debatte
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Der Tagesspiegel, 14. Februar 2009 - Kultur
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Programm

Eduard Beaucamp Kunstkritiker und Autor Selbstdarsteller und Massenkultur - Die moderne Kunst am Ende ihrer Epoche Donnerstag, 20.11.2008, 19 Uhr c.t., Senatssaal, Unter den Linden 6, 1. Stock

Wir schauen heute auf ein Jahrhundert moderner Ästhetik zurück. Der herkömmliche Kunstbegriff ist in dieser Zeit aufgelöst, hin- und her gewendet, bereichert, erweitert und erneuert, aber auch gründlich in Zweifel gezogen, demontiert und vielfach verabschiedet worden. Nach all diesen Manövern aber haben sich der Glaube an die Kunst und die Kunstbedürfnisse des Publikums keineswegs aufgelöst. Für die Produktion der Erben und Epigonen werden immer mehr Museen gebaut, riesige Sammlungen zusammengetragen, immer mehr Märkte veranstaltet und irrwitzige Preise bezahlt, die selbst die der Klassiker der Moderne und vor allem die Preise für die historische Kunst in den Schatten stellen. Thema des Vortrags ist die unauflösbare Paradoxie: Die Kunst hat alle objektiven Aufgaben und Bedeutungen verloren - außer der, dass sie selbst unersetzbar ist, dass es sie geben muss, dass sie als anthropologischer Faktor und zur Bekräftigung individueller Möglichkeiten, als Quelle produktiver Phantastik und Irrationalität für den seelischen Energiehaushalt einer sich unaufhaltsam normierenden Massengesellschaft unentbehrlich ist.

Peter Weibel Künstler, Kurator, Medientheoretiker Das Mögliche ist dem Realen eingeschrieben - Von der guten Form zu virtuellen Formen Donnerstag, 04.12.2008, 19 Uhr c.t., Senatssaal, Unter den Linden 6, 1. Stock

Robert Musil hat in seinem Roman Der Mann ohne Eigenschaften geschrieben: "So ließe sich der Möglichkeitssinn geradezu als die Fähigkeit definieren, alles, was ebenso gut sein könnte, zu denken, und das was ist, nicht wichtiger zu nehmen als das, was nicht ist." Die Welt ist also nicht nur alles, was der Fall ist, wie Wittgenstein in seinem Tractatus logico-philosophicus (1921) behauptete, sondern die Welt ist auch, was nicht der Fall ist. Für diese Welt entwickeln wir den Möglichkeitssinn, der aber keineswegs vom Wirklichkeitssinn losgelöst, sondern im Gegenteil, nur eine Weiterentwicklung des Wirklichkeitssinns ist. Diese Auffassung wird unterstützt durch die Kunst, die uns immer wieder durch die Erfindung von Formen überrascht, die es vorher nicht gegeben hat, aber offensichtlich aus der Realität herleitbar sind. Alle Formen sind in Wirklichkeit Möglichkeitsformen und einige werden bevorzugt durch eine evolutionäre Lotterie und werden dadurch zu realen Formen. Die Kunst korrigiert die Evolution und deren verengende Selektionsmechanismen. "Das Prinzip der Kunst ist unaufhörliche Variation", schreibt Musil. Die Kunst zeigt uns gewissermaßen die Werte der Variablen als Variationen; sie zeigt uns die Welt-geschichte als Variationen des Möglichen.

Jean-Luc Nancy Philosoph, Strasbourg L'Adoration / Anbetung (Vortrag in deutscher Sprache) Donnerstag, 12.02.2009, 19 Uhr c.t., Senatssaal, Unter den Linden 6, 1. Stock

Sollte man es wagen, zu behaupten, dass unsere heutige Welt, der es an allem fehlt - an Gerechtigkeit, an Geschichte, an städtischer Lebenswelt, an Herrlichkeit und Sinn - so etwas wie Anbetung nötig hat? Was nachzudenken ist, sei nur dies: wie die Zufälligkeit unserer Existenz sich für eine Anbetung, etwas zu Verehrendes öffnet. Anbetung ohne etwas, das zum Anbeten bestimmt ist? Bloße Annäherungen, nur bruchstückhafte Gedanken sind zu diesem Thema möglich, das keines ist, wenn man wissen will, wo dies anfängt und wie es Gestalt gewinnt. Zumindest eines ist festzuhalten: die Anbetung steht jener Reduktion entgegen, zu der unsere Welt sich verschworen hat in ihren lügnerischen Vergötterungen. Zu entdecken sind nicht die Möglichkeiten einer Theorie, sehr wohl aber der Ansatz einer Praxis, die sich auf nichts anderes bezieht als auf die Wirklichkeit: nicht auf ein machtvolles Reales, sondern auf das Nichts eines einfachen "voici", auf das, was hier ist, sei es mein Körper, sei es der Punkt, wo er sich ent-fernt und allein in Abwesenheit erscheint.

Hélène Cixous Schriftstellerin, Paris Promised Belief - or Life after Life Mittwoch, 27.05.2009, 19 Uhr c.t., Senatssaal, Unter den Linden 6, 1. Stock

Ich werde Ihnen die Geschichte des Disputs erzählen, der uns zusammenbrachte, Jacques Derrida und mich, seit vierzig Jahren, der "einzigartige Disput", wie er es 1998 nannte im Buch H.C. pour la vie, c'est à dire. Ein magischer Disput, sagt er, der sich um die Frage des Glaubens dreht und dessen derridasches Leitmotiv lautet: Puissé-je la croire".

Vierzig Jahre dachten wir an den Tod an das Leben an den Tod an den Tod an das Leben danach an den Tod, dann an das Leben, nach dem Tod an den Tod nach dem Tod an das Leben ans Weggehen dann ans Zurückkommen, wir kommen davon weg, je weiter weg wir kommen desto näher sind wir seit vierzig Jahren stürzen wir an jedes Fenster es ist der gleiche Sturm, jedes Mal wenn wir davon weg kommen denken wir an den Tod ... Lass uns nicht mehr davon reden, würde er sagen, immer wenn wir davon reden geben wir Leben an den Tod, wir wollen nicht mehr davon reden, würde mein Freund sagen, lass uns nicht mehr davon reden.

"Wenn ich ihr nur glauben könnte". Er würde zu sich selbst beten. Zu sich selbst, an den er nicht glaubte, betete er in der Hoffnung auf Kräftigung (puisser), jenseits der Ohnmacht zu glauben. Was heißt es, um Glauben zu beten? Was ist Beten? Was heißt es, ohne Glauben zu beten? Kann einer denn nicht nicht beten? Da ist etwas am Beten, das unbegreiflich ist. Und doch betet man.
- Warum hat J. D. zu sich selber gebetet, um zu glauben, um somit eine Art Rollenspiel aufzuführen: er den Zweifel, sie das Vertrauen?
- Vielleicht weil...