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Mittwoch, 24. Januar 2018 seit 1997 Wintersemester 2017/2018

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Confronting Democracy

Totalitarismus, Fundamentalismus und Terrorismus, aber auch Nationalismus und Rassismus gelten als extreme Bedrohung der westlichen Demokratien und ihrer Prinzipien politischer Freiheit, der Rechtsstaatlichkeit und der Menschenrechte. Im Zeichen der Gefahr verschärft sich die Konfrontation mit staatlichen und kulturellen Ordnungen außerhalb des westlichen Machtbereichs, und das besonders, wenn deren Entwicklung demokratischen Leitvorstellungen offenkundig zuwider läuft. Im Gegenzug fördern die geopolitischen und weltökonomischen Zielsetzungen sowie die Option militärischer Interventionen der gegenwärtigen Großmacht USA und ihrer Verbündeter ein hegemoniales Verständnis von Demokratie.

Der Westen scheint die Demokratie, ihr Axiom unverbrüchlicher Menschenrechte und die Praxis ihrer völkerrechtlichen Anerkennung selbst in eine Legitimationskrise gestürzt und damit die gegenwärtigen Konfliktlagen noch weiter zugespitzt zu haben. Der zugleich expansive und integrative Prozess der Globalisierung setzt einerseits die westliche Kultur als Leitmodell voraus, wird aber andererseits von der Angst begleitet, das eigene demokratische Wertesystem könnte überfordert werden: Wo kulturelle Vielfalt und religiöse Glaubensfreiheit herrschen sollen, entsteht das Schreckgespenst eines uferlosen Kulturrelativismus. Das Thema dieser Mosse-Lectures sind die manifesten wie imaginären Bedrohungen der Demokratie, die reale oder auch nur ‚gefühlte‘ Bedrohung durch feindliche Kämpfer und Staaten, durch weltweite Handelsfreiheit und ungesteuerte Migration.

In dererlei Bedrohungszenarien wurzelt eine Politik der Angst, ein Programm laufend verschärfter Sicherheitsmaßnahmen, das die neuen ‚Bedrohungslagen‘ (durch links- und rechtsradikale Bewegungen bis hin zu religiösen Fanatikern, Islamisten, ‚Schläfern‘ etc.) eindämmen soll, zugleich aber das Ideal einer freiheitlichen und rechtsstaatlichen Demokratie auf eine harte Probe stellt. Die westliche Demokratie sieht sich somit nicht nur konfrontiert mit gegenläufigen Formen der Vergesellschaftung, der staatlichen Institutionalisierung und der kulturellen Identität außerhalb ihrer selbst, sondern auch mit antidemokratischen Tendenzen in den eigenen Reihen. Als extreme Bedrohung wird im Zuge der Globalisierung der Kampf zwischen den Kulturen, aber verstärkt auch die Auseinandersetzung innerhalb der Kulturen gelten. Neue Konfrontationen und Szenarien extremer Bedrohung sind absehbar: verursacht nicht nur durch gewaltsame Grenzverletzungen, sondern auch durch die internen Abgrenzungen neuer Machtansprüche, Wertsetzungen und eingeforderter Rechte.

Pressestimmen


Der Tagesspiegel, 1. Februar 2008 - Politik
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die tageszeitung, 24. Januar 2008 - Kultur
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Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23. Januar 2008 - Geisteswissenschaften
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Der Tagesspiegel, 19. Januar 2008 - Kultur
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die tageszeitung, 17. Januar 2008 - Kultur
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Programm

Herfried Münkler Professor für Theorie der Politik, Humboldt-Universität zu Berlin Nach den großen Kriegen. Die postheroische Gesellschaft und die terroristische Herausforderung Dienstag, 27.11.2007, 19 Uhr c.t.,
Der klassische zwischenstaatliche Krieg, der die europäische Geschichte über Jahrhunderte bestimmt hat, ist zu einem historischen Auslaufmodell geworden. Aber damit ist der Krieg nicht aus dem Prozess politischer Willensdurchsetzung verschwunden; er hat bloß seine Erscheinungsform gewechselt. Clausewitz' Formel vom "Chamäleon Krieg" hat sich erneut bestätigt. Eine dieser neuen Formen des Krieges ist der Terrorismus, der im weiteren Sinn als eine Ermattungsstrategie begriffen werden kann. Offenbar versprechen sich die Planer von Terrorattacken gute Erfolgsaussichten, wenn sie ihre Angriffe gegen postheroische Gesellschaften richten, Gesellschaften also, in deren Selbstverständnis Opfer und Ehre keine zentrale Rolle spielen und die dazu neigen, auf Gewaltandrohung mit Freikaufmentalität zu reagieren. Gleichzeitig entwickeln diese Gesellschaften ein starkes Sicherheitsbedürfnis, das selbstzerstörerische Züge annehmen kann. Wie können und wie sollen postheroische Gesellschaften auf diese Herausforderung reagieren?
Ivan Krastev Politologe, Direktor des Centre for Liberal Strategies, Sofia The Rise of Popularism in Europe Donnerstag, 06.12.2007, 19 Uhr c.t.,
Im Unterschied zum politischen Extremismus der 1930er Jahre zielen die neuen populistischen Bewegungen nicht auf die Abschaffung der Demokratie, sondern werben um deren Verwirklichung. Durch ihre gefühlsmäßige und moralistische Politik für jedermann stellen sie eine Herausforderung dar für die Politik von Parteien, Institutionen und für den Zentrismus der Regierungseliten. Zu beobachten ist die wachsende Konfrontation zwischen dem die demokratischen Institutionen verachtenden Volkszorn und der professionellen Politik der Eliten. Der neue Populismus, der sich in seinen sehr unterschiedlichen Erscheinungsformen einer eindeutigen Definition entzieht, ist in Europa zu einer unabweisbaren Herausforderung an den nach dem Ende des kalten Krieges erhofften liberal-demokratischen Konsens geworden. Der Vortrag untersucht die antiliberalen Tendenzen verschiedener Populismen in Zentraleuropa (Polen, Slowakei) im Verhältnis zu innerdemokratischen Absetzungsbewegungen in Westeuropa (die gescheiterten EU-Referenden) und zur populistischen Politik in Süd- und Nordamerika.
Alain Badiou Professor und Direktor des Institutes für Philosophie an der École Normale Supérieure, Paris „Democracy“ against Democracy Donnerstag, 17.01.2008, 19 Uhr c.t.,
Ein eklatanter Widerspruch ist zu bemerken: Einerseits ist die Philosophie selbstverständlich und notwendigerweise eine demokratische Tätigkeit. Andererseits sind die politischen Vorstellungen der Mehrheit der Philosophen - von Plato bis zu meinem Denken, Hegel, Nietzsche, Wittgenstein und Deleuze eingeschlossen - keineswegs »demokratisch« im üblichen Verstande des Wortes. Es besteht also ein Widerspruch zwischen der wahren Natur von Philosophie, die sicherlich so etwas wie eine demokratische Übung des Diskutierens und Denkens darstellt, und den expliziten Begrifflichkeiten der Philosophie im Bereich der Politik, die sehr oft eine autoritäre Grundstruktur für das kollektive Schicksal der Menschheit annehmen. Dieses Paradox zu erklären, ist die Absicht dieser Vorlesung.
Moshe Zimmermann Professor für Geschichte, Direktor des Koebner Minerva Zentrums, The Hebrew University of Jerusalem Jüdisch und/oder demokratisch – Die innerisraelische Wertedebatte in der Gegenwart Donnerstag, 31.01.2008, 19 Uhr c.t.,
Seit 1895 gilt ein Judenstaat als mögliche Lösung der so genannten Judenfrage. Von Anfang an - also seit der Einführung dieser Idee durch Theodor Herzl in den innerjüdischen Diskurs - war die Einstellung zur Demokratie in der zionistischen Bewegung zurückhaltend, weil der Antisemitismus, der ja letztlich den Zionismus hervorgerufen hatte, als eine Stimme des Volkes verstanden werden konnte. Trotz der Balfour-Erklärung von 1917, trotz intensiver zionistischer Propaganda und antisemitischer Politik der europäischen Nationalstaaten und vor allem des "Dritten Reiches" blieb der jüdische Yischuw, also die vorstaatliche jüdische Gesellschaft, in Palästina bis 1948 eine Minderheit inmitten einer arabischen Mehrheit. In der ersten Phase der Existenz des Staates Israels, also in den Jahren zwischen 1948 und 1967, konnte sich die Idee einer Demokratie im Staate verankern, weil Juden die Bevölkerungsmehrheit stellten. Der gesellschaftliche und politische Diskurs dreht sich bis in die Gegenwart hinein überwiegend um eigentliche oder vermeintliche "jüdische Werte" und Inhalte und deren Durchsetzung in Staat und Gesellschaft. Hierbei werden über die Frage der Bevölkerungsmehrheit hinaus die eigentlichen Grundwerte der Demokratie hinterfragt, indem ihnen Grundwerte "des Judentums" gegenübergestellt werden. Der Vortrag zeichnet die wesentlichen Konturen dieser Debatte nach und zeigt die in der israelischen Gesellschaft dominierenden Tendenzen auf.