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Samstag, 21. Juli 2018 seit 1997 Sommersemester 2018

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finance and fiction

»Beziehungen von Unsicherheit« prägen die moderne Welt, das »Zeitalter der Angst« nach W. H. Auden und Günther Anders. Seit dem 17. Jahrhundert antworten darauf - in der Mathematik, der Statistik, der Ökonomie und in den Künsten - Wahrscheinlichkeitstheorien. In den Wissenschaften erfassen Modellbildungen und Formalisierungen die Unsicherheiten und bringen sie in Relation, ins System. Die Formalisierung von Wirtschaftsprozessen als ökonomisches Wissen wird zumeist nicht als das erkannt, was sie ist bzw. hervorbringt - Fiktion. Die Logik der Geldabstraktion auf den Finanzmärkten erschafft eine eigene Wirklichkeit, abgelöst von den lokalen, sozialen, politischen und auch wirtschaftlichen Daten. Mit der vertrauten Gegensätzlichkeit von >natürlich< und >künstlich<, von >Illusion< und >Wirklichkeit< kann eine zweite Welt wie die der Finanzen nicht mehr erfasst werden. Auf dem screen entwerfen die elektronischen Netzwerke in Sekundenschnelle die Bewegungen und Ereignisse der globalen Finanzmärkte als emergente Lebensform: wechselhaft, fließend, unidentisch, endlos - und möglicherweise katastrophisch.

Programm

Karin Knorr Cetina Soziologin, Konstanz Maverick Markets: Fantastische Finanzmärkte und ihre eigentümlichen Charakteristiken Mittwoch, 15.04.2009, 19 Uhr c.t., Senatssaal, Unter den Linden 6, 1. Stock

Die Finanzmärkte haben uns wieder einmal überrascht: diesmal nicht als Quelle von Dividenden und steigenden Investitionswerten, sondern als Auslöser einer weltweiten Krise. In diesem Vortrag werden einige Charakteristiken herausgearbeitet, die diese Märkte als globale soziale Form auszeichnen. Es geht nicht darum, den bestehenden ökonomischen Krisenerklärungen eine weitere hinzuzufügen, sondern darum festzustellen, in welchen Hinsichten Finanzmärkte von gut bekannten Organisationsformen abweichen, die uns seit dem Beginn der Moderne begleitet haben und unsere Vorstellungen organisierter Aktivitäten prägen.

Jeremy Rifkin Ökonom und Soziologe, Washington D.C. Leading the Way to the Third Industrial Revolution and a New Social Europe in the 21st Century Dienstag, 23.06.2009, 19 Uhr c.t., Senatssaal, Unter den Linden 6, 1. Stock

Jede Nation muss sich die zentrale Frage stellen, wie das Land, unser Land, in 25 Jahren aussehen soll. Die sog. Dritte Industrielle Revolution ist das "Endspiel" für das auf Kohle- und Uranenergien basierende Zeitalter. Sie ist der Aufbruch in eine lebenswerte Zukunft der Menschheit ohne Schadstoffbelastungen und Umweltschäden. Diese Dritte Industrielle Revolution wird im 21. Jahrhundert vor allem ein Neues Soziales Europa hervorbringen: die Attraktivität eines europäischen Traums von verbesserter Lebensqualität, sozialer Gerechtigkeit und Menschenrechten im Verhältnis zur Marktwirtschaft, mit neuen Ansätzen zur weltweit friedlichen Kooperation. Durch die globalen Krisen von Energie, Umwelt und Finanzen ist dieser Traum extrem gefährdet. Umso wichtiger ist es, unter diesen Bedingungen und Voraussetzungen einen Fahrplan, wenn auch nur als "gameplay", für die nächsten 50 Jahre der europäischen Integration zu entwerfen.

Urs Stäheli Medien- und Kultursoziologe, Basel Globale Paniken: Zur affektiven Logik der Finanzökonomie Mittwoch, 24.06.2009, 19 Uhr c.t., Senatssaal, Unter den Linden 6, 1. Stock

Das Ökonomische bedarf kultureller Praktiken und Diskurse, um seine Grenzen bestimmen zu können und einen Raum des Sagbaren zu eröffnen. Der Vortrag fragt danach, was es bedeutet, wenn ökonomische Krisen als Paniken beschrieben werden. Dazu werden zunächst einige begriffsgeschichtliche Stationen der Paniksemantik skizziert (Mythologie und Massenpsychologie), um vor diesem Hintergrund die spezifischen Darstellungsweisen von Finanzpaniken zu diskutieren. Die Finanzpanik ist die "Panik aller Paniken", da sie panische Logiken der Ansteckung geradezu exemplarisch inszeniert. Es soll gezeigt werden, wie mit der Finanzpanik innerhalb des Ökonomischen über das Scheitern der Ökonomie gesprochen werden kann. Schließlich interessieren die politischen Konsequenzen der Paniksemantik: Die Art und Weise, in der eine Krise als Panik beschrieben wird, bestimmt auch die Möglichkeiten der Politik. Gerade an der Finanzpanik lassen sich die Konturen und Herausforderungen einer neuen "politischen Epidemiologie" festmachen.